Zurück zur Schule

<strong>Der Schulleiter: </strong>Thomas Döring lädt 'Kinder' der Schule ein, um die vergangenen 80 Jahre am Goetheplatz Revue passieren zu lassen. <fotos>Matthias Bannert</fotos>
Der Schulleiter: Thomas Döring lädt "Kinder" der Schule ein, um die vergangenen 80 Jahre am Goetheplatz Revue passieren zu lassen. Matthias Bannert

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07. Juli 2010, 10:49 Uhr

Steintor-Vorstadt | Bürgerrechtler Joachim Gauck, Hamburgs ehemaliger Erster Bürgermeister Peter Schulz (SPD), Regisseur Hans-Jürgen Syberberg, Stasi-Unterlagen-Beauftragter Volker Höffer und Bundestagsabgeordneter Steffen Bockhahn (Linke): Sie alle sind in dem selben Gebäude am Goetheplatz zur Schule gegangen, das heutige Innerstädtische Gymnasium (ISG). Gestern sind sie zurückgekehrt. Anlass war das 80-jährige Be stehen des Schulhauses.

Lernen unter zwei Diktaturen

Doch unterschiedlicher könnten die Erinnerungen kaum sein. Als Peter Schulz erzählt, wie er einst auf dem Schulhof mit anderen Jungen in einer Reihe stand, zittert seine Stimme. In seinen Augen sammeln sich Tränen als er berichtet, wie Nazi-Funktionäre diejenigen aufforderten, drei Schritte vorzutreten, die sich nicht freiwillig für die Waffen-SS melden wollten. Schulz ging diese drei Schritte und glaubte, es wären seine letzten. "Ich fühle mich deswegen nicht als Held", sagt er. "Das war mir selbstverständlich."

Inzwischen ist das Gebäude am Goetheplatz von Grund auf saniert. "Man riecht, hier ist ein neuer Geist eingezogen", sagt Joachim Gauck. Der intensive Geruch von damals sei von den Wänden verschwunden. In Gaucks Erinnerung spiegelt sich vor allem wider, wie er mit seiner damaligen Freundin und späteren Ehefrau Hand in Hand über den Schulhof lief. Eine zu dieser Zeit nicht alltägliche Szene. Er erinnert sich aber auch, dass Stasi-Spitzel in den Reihen seiner Mitschüler waren, während Partei-Lehrer im Unterricht auch mal die DDR-Treue außen vor ließen. Harte Worte findet der Bürgerrechtler für das damalige Regime. Noch heute fragt er ungläubig: "Was fiel den Spacken, die uns regiert haben, ein, uns nicht wählen zu lassen?" Die Schüler von heute ruft Gauck auf, in jedem Fall an die Wahlurne zu gehen.

"Es ist doch alles ganz merkwürdig, wer eben noch hier gelernt hat, ist jetzt Bundestagsabgeordneter oder gar Präsidentschaftskandidat", sagt Gauck und meint damit Steffen Bockhahn, der in der ersten Reihe sitzt.

Der Rostocker Politiker ist der Jüngste in der Riege der Ehemaligen. Er kennt das erste Kapitel der Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit an der Schule Anfang der 1990er-Jahre. "Viele der Lehrer waren einfach weg", erinnert er sich. "Man muss fragen, ob die Art und Weise gerecht ist, um versöhnlich eine Zukunft aufzubauen." Damals hieß die Schule Gymnasium am Goetheplatz. Für Bockhahn und seine Mitschüler einfach nur "das Goethe". Hier habe er gelernt, gegen Autoritäten zu kämpfen. "Auch wenn das nicht immer nötig war, Spaß gemacht hat es trotzdem", so der Linken-Politiker.

Auch Volker Höffer, Stasi-Unterlagen-Beauftragter in Rostock, betont, wie wichtig die Aufarbeitung der Geschichte ist: "Diese Schule hat auch eine Rolle in zwei diktatorischen Regimen gespielt." Daran müsse erinnert werden. Antonia Ludwig, Jahrgang 1992, ist heute Schülerin am ISG. Trotz der Sanierung sagt sie, die Fassade sei nicht wichtig für das Zusammenspiel von Lehrern und Schülern: "Wir müssen die Gegenwart gestalten - vor allem im geistigen Sinne."

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