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Krankenhausseelsorgerin Brita Bartels hat viel zu tun : Zuhören per Händedruck

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Brita Bartels ist am Klinikum Karlsburg Krankenhausseelsorgerin und hat für alle Patienten ein offenes Ohr, die das wünschen, egal, ob und woran sie glauben.

Anklam | Wenn Brita Bartels sich vorstellt, ist die erste Reaktion oft lähmendes Entsetzen. "Steht es mit mir so schlecht, dass man Sie zu mir schickt?", wird sie dann von den Patienten gefragt. "Muss ich wirklich schon sterben?"

Immer wieder begegnet die Krankenhausseelsorgerin am Klinikum Karlsburg Menschen, die glauben, "die Pastorin" käme nur dann an ihr Krankenbett, wenn es mit ihnen zu Ende geht. Das sei ein ebenso gängiges Vorurteil wie die Annahme, sie sei nur für diejenigen da, die wie sie gläubige Christen sind. "Tatsächlich habe ich aber ein offenes Ohr für alle Patienten, die das wünschen, egal, ob und woran sie glauben", betont die zierliche 46-Jährige.

Wer sie ist und was sie anbieten kann, macht sie gleich bei der ersten Begegnung klar - die sich sehr oft auf der hoch-technisierten Intensivstation abspielt. "Dort ist mein Hauptbetätigungsfeld", erklärt die Theologin, die sich nach sieben Jahren Gemeindearbeit nun schon elf Jahre lang um das seelische Wohlbefinden der Patienten in Karlsburg kümmert. Ihr Berufswunsch sei lange gewachsen: Beide Eltern sind Mediziner. "Von ihnen habe ich das Gespür dafür, dass kranke Menschen nicht nur körperlich, sondern sehr oft auch seelisch leiden - und Hilfe brauchen."

Für sie selbst sei ihr Glaube "der Hintergrund, aus dem heraus ich diese Arbeit tue", erklärt Brita Bartels, doch zu missionieren sei nicht ihre Aufgabe. "Ich bin einfach eine Besucherin, jemand, der Zeit hat, der zuhören kann und will - und das wissen viele Patienten zu schätzen."

Allein die Patienten würden auch bestimmen, worüber gesprochen wird. "Ich erlebe dann oft, dass sie sich mir gegenüber viel mehr öffnen als den Ärzten." Die Erklärung, die Brita Bartels dafür hat, ist simpel: "Dem Arzt ist der Patient ausgeliefert. Mir muss er zuerst einmal erklären, was er hat - und wird damit wieder zum Experten in eigener Sache."

Neben einer klinisch-seelsorgerischen Ausbildung hat Brita Bartels sich unter anderem auch zur Gesprächs- und Traumatherapeutin weitergebildet. "Denn nach einem Herzinfarkt oder einer anderen schweren Erkrankung plötzlich auf der Intensivstation zu sich zu kommen, das ist für einen Patienten schon ein traumatisches Erlebnis." Er hätte das Gefühl, weder flüchten noch kämpfen zu können. Erschwerend komme für manchen dazu, dass er nicht einmal sprechen könne - weil er beispielsweise beatmet werden muss. "Dennoch versuche ich, mich auch mit diesen Patienten auszutauschen - schließlich laufen nur fünf Prozent unserer Kommunikation über Sprache ab." Ganz praktisch heißt das unter anderem, dass Brita Bartels Ja-Nein-Fragen stellt - und von den Augen, den Lippen oder auch einfach aus einem leichten Händedruck die Antworten abliest. "Können die Patienten wieder sprechen, überlasse ich das Reden dann aber überwiegend ihnen."

Dass kein Patient wie der andere ist, macht ihre Arbeit spannend: Da gibt es Frauen und Männer, die wochenlang allein bleiben und Stunde um Stunde die Decke anstarren. Andere bekommen so viel Besuch, dass sie sich etwas mehr Ruhe zum Gesundwerden wünschen - sich aber nicht trauen, das auszusprechen. Zumindest nicht den Angehörigen gegenüber - bei Brita Bartels ist das etwas anderes. "Angehörige sind immer auch Betroffene. Ich betrachte die Dinge dagegen mit Abstand. Seine Lieben will der Patient schützen, deshalb verrät er ihnen auch nichts von seinen Ängsten. Mit mir, der Fremden, kann er dagegen viel leichter darüber reden."

Entscheidend, so Brita Bartels, sei sowieso nicht die Diagnose - entscheidend sei, wie der Einzelne damit umgeht. Ihre Aufgabe sehe sie darin, zusammen mit dem Kranken zu forschen, wo er noch Kraftreserven hat und wie er sie mobilisieren kann. "Es kann allerdings sehr lange dauern, bis diese Suche von Erfolg gekrönt ist."

Doch Brita Bartels nimmt sich Zeit für ihre Patienten. Zwar hat sie in Karlsburg nur eine halbe Stelle - die andere Hälfte ihrer Arbeitskraft widmet sie Jugendlichen im Berufsbildungswerk Greifswald - doch auf die Uhr zu schauen verbietet sie sich, wo immer es möglich ist. Denn das sei es ja schließlich, was sie vom medizinischen und pflegerischen Personal auf den Stationen unterscheiden würde - sie habe wirklich Zeit für die Patienten.

Je näher Weihnachten kommt, umso mehr ist die Zeit der Seelsorgerin in der Klinik gefragt. "Wer nicht weiß, ob er zu den Feiertagen nach Hause kann, ist natürlich bedrückt. Schließlich ist kaum jemand über Weihnachten gerne im Krankenhaus. Aber Krankheit sucht man sich nun mal ebenso wenig selbst aus wie den Zeitpunkt, zu dem sie einen ereilt."

Indem sie zusammen mit dem Stationspersonal die Aufenthaltsräume weihnachtlich schmückt, versucht Brita Bartels den Patienten zu vermitteln: "Hier ist nicht nur Krankenhaus, hier ist auch Advent." Ganz wichtig findet sie es, diejenigen, die aufstehen zu können, mit anderen Patienten zusammenzuführen - beispielsweise beim gemeinsamen Adventssingen. "Da entstehen dann oft Kontakte, die den Einzelnen helfen, ihr Schicksal leichter zu nehmen. Denn nicht selten ist der Effekt so einer Begegnung die Erkenntnis: ,Mensch, dem geht es ja noch schlechter als mir."

Ob sie am 24. Dezember, eine Christvesper hält, will Brita Bartels in diesem Jahr spontan entscheiden. "Im letzten Jahr kam nur ein einziger Patient…" Auf jeden Fall aber wird sie auch morgen im Klinikum bei den Patienten sein, die über Weihnachten nicht nach Hause dürfen. Und auch wenn bei ihr zu Hause vielleicht schon die Familie wartet: Auf die Uhr wird die Mutter dreier Kinder auch dann nicht schauen.

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erstellt am 23.Dez.2011 | 09:59 Uhr

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