Zuhause ist, wo das blaue Zelt steht

Alexandra Probst lässt sich von den kubanischen Artisten Rolando Acosts, Ranger Acosts, Diego Ramirel und Julio Ching durch die Luft wirbeln. Fotos: Georg Scharnweber
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Alexandra Probst lässt sich von den kubanischen Artisten Rolando Acosts, Ranger Acosts, Diego Ramirel und Julio Ching durch die Luft wirbeln. Fotos: Georg Scharnweber

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04. Juni 2012, 07:18 Uhr

Stadtmitte | Das Hufscharren der Andalusier wird mit jeder Minute ein wenig lauter und drängender. Damit übertönen sie einen winzigen Moment lang die Motorengeräusche des Gabelstaplers, der unablässig die Metallteile für ihren Stall von A nach B fährt. Knapp zwei Stunden werden am Ende vergehen, bis die Pferde in ihre Boxen können. Der Wind wirbelt derweil Staub vom Parkplatz am Stadthafen auf und transportiert den Geruch von Ziegen und Schweinen meterweit. Damit lockt er Schaulustige an den Stadthafen, die neugierig dabei zusehen, wie sich aus dem Gewühl allmählich ein riesiges blaues Zelt erhebt. Auf dessen Spitze ist der Schriftzug "Probst" gut zu erkennen.

Ein anderes Leben als das auf Rädern kann sich Alexandra Probst nicht vorstellen. Ihren Namen empfindet sie als Verpflichtung. Beruf und Privatleben sind für sie eins und so trägt sie selbst vor der eigentlichen Show ein auffälliges Make-up. Das Kostümieren und Schminken ist Teil ihres Lebens und das schon so lange sie denken kann. "Ich kenne es einfach nicht anders", so die 24-Jährige. Während sie von ihrem Leben auf Rädern erzählt, steckt sie sich eine Zigarette an. "Wir rauchen eigentlich alle", sagt die junge Frau und fügt wenige Augenblicke später hinzu: "Wegen des Stresses." Dabei ist weder ihr noch den anderen Zirkusleuten der Stress anzumerken. Routiniert erledigt jeder seine Aufgaben. Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt.

Auf dem Weg zum Zelt erzählt Alexandra Probst, dass sie sich überall dort zu Hause fühlt, wo das Zelt und ihr Wohnwagen stehen. Und das ist nun Rostock. Bis zum 17. Juni gastiert der Traditionszirkus in der Hansestadt und gibt ab heute zweimal täglich Vorstellungen. "Wir arbeiten viel und hart", sagt die 24-Jährige. Das gilt auch für die Tiere. Auch, wenn gestern vorstellungs- und trainingsfrei war, machte Ziegenbock Sid gern ein paar Kunststücke im Gehege und erfreute damit die Schaulustigen am Stadthafen.

Im Zirkus muss jeder mit anpacken. Während die Musiker ihre Bühne aufbauen, sind die kubanischen Artisten damit beschäftigt, die Einzelteile der Tribüne in das Zelt einzubauen. Als Alexandra Probst einen der kubanischen Artisten erblickt, ist es für einen kurzen Augenblick vorbei mit ihrer Abgeklärtheit. Sie stürzt in die Arme von Ranger Acosts. Er ist seit einiger Zeit ihr Freund. Lachend küsst sie ihn, um im nächsten Moment wieder als Vollprofi das System Zirkus zu erläutern. Auch, wenn die 24-Jährige glücklich inmitten der Wohnwagensiedlung und der Ställe ist, so freut sie sich schon jetzt auf ihren Urlaub im Winter. Wenn die Saison vorbei ist, will sie für ein paar Wochen nach Kuba reisen - mit ihrem Freund Ranger. Dass sich Beziehungen wie ihre im Zirkus entwickeln, sei so normal wie das ständige Umziehen. "Wir bleiben unter unseresgleichen", sagt die 24-Jährige. Beziehungen zu Männern, die das Zirkusleben nicht kennen, würden einfach nicht funktionieren. Ihnen fehle das Verständnis für das, was sie als völlig normal erachtet.

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