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Interview : „Wir suchen nach Idealbildern, die es nicht gibt“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Volontärin Josefine Rosse sprach mit Autor Michael Nast über sein Buch, Tinder und die große Liebe

Rostock ist die einzige Stadt in MV, die Sie besuchen. Waren Sie schon mal dort?
Nast: Bewusst tatsächlich nur einmal als Kind. Wir hatten Verwandtschaft in Stralsund und waren deshalb immer dort. Aber ich freue mich sehr.

Zu Ihrem Buch: Haben Sie jemals damit gerechnet, dass Ihre Kolumne „Generation Beziehungsunfähig“, mit der letztlich der Ruhm anfing, solche Wellen schlägt?
Nee. Als ich die Kolumne schrieb, dachte ich eigentlich, ich beschreibe mein Umfeld in Berlin, in dem alle ein wenig glasiert sind. Das sind Leute, die selbstgefällig und ein wenig arrogant ins Leben blicken und der Meinung sind ,so wie ich lebe, sollten auch alle anderen leben’. Darum habe ich den Text „Generation Beziehungsunfähig“ genannt, der innerhalb einer Woche mehr als eine Million Mal gelesen wurde.

Was unterscheidet Sie von anderen Beziehungsratgebern?
Ich schreibe ja nicht über Beziehungen. Ich schreibe über das Leben. Der Anspruch an mich ist es, ein authentisches Abbild des Lebens zu schaffen. Und mir gelingt es irgendwie, dass die Leute sich enorm in den Texten wiederfinden. Ich habe mich aber nie als Ratgeber oder Experte verstanden.

Was bedeutet denn überhaupt beziehungsunfähig?
Wir sind natürlich nicht beziehungsunfähig. Ich beschreibe die Befindlichkeiten der Leute, die sich und ihr Umfeld dafür halten. Wenn man sagt, dass man beziehungsunfähig ist, ist das entweder eine Ausrede oder ein Label. Auf einem Label kann man sich ausruhen. Man sollte es aber nicht. Wir müssen in unserem Kopf ein paar Sachen ändern. Wir sind so angepasst an die Konsumgesellschaft, dass wir zwischenmenschlich wie beim Produktkauf agieren. Auch Dating-Apps sind strukturiert wie Online-Shops. Die Gesellschaft erzieht uns zu Unzufriedenheit. Wir sollen das Gefühl haben, dass wir unser Leben immer verbessern müssen.

Waren Sie denn selber schon mal bei einer Dating-App angemeldet?
Ja, für eine Woche bei Tinder. Aber das ist nichts für mich. Ich chatte nicht so gerne. Ich bin eher für Begegnungen.

Sie sprachen von Zufriedenheit. Sind Sie zufrieden?
Zufrieden sind wir alle. Die Frage ist, ob man glücklich ist. Bei mir ist die Gefahr – durch das Glück des großen Erfolges momentan – dass ich täglich Erfolgserlebnisse habe. Aber ich weiß eben auch: Das ist der Job. Man darf das nicht verwechseln mit dem privaten Glück. Ich glaube, das geht vielen so – da ist das nicht der Job, da sind es die Likes, aus denen ich meinen Selbstwert ziehe. Die Leute sind alle Popstars ihrer selbst. Sie definieren sich über ihre Fassade, die sie kultivieren und verwechseln das aber mit sich selbst.

Zum Abschluss: Glauben Sie an die große Liebe?
Ich glaube nicht an die große Liebe mit einer Person bis ans Lebensende. Es kann mehrere große Lieben geben im Leben. Man muss sich nur darauf einlassen, was nicht geschieht. Die Leute wollen nicht mehr verletzt werden. Heute werden Beziehungen beendet, bevor die große Liebe beginnen kann. Wir richten uns lieber in einer Unverbindlichkeit ein. Wir wollen den idealen Partner, obwohl wir wissen, dass es ihn nicht gibt. Wir suchen nach Idealbildern, denen niemand gerecht wird, weil wir nur Menschen sind.
 

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erstellt am 13.Mai.2016 | 12:00 Uhr

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