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Norddeutsche Neueste Nachrichten

13. Dezember 2017 | 19:44 Uhr

Volkstheater : „Wir müssen Stadtgespräch werden“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Sewan Latchinian startet mit dem „Stapellauf“-Festival in seine Intendanz am Rostocker Volkstheater und will das Image des Hauses aufpolieren.

von
erstellt am 17.Sep.2014 | 08:00 Uhr

Am Sonnabend wird mit dem „Stapellauf“-Festival nicht nur der Auftakt der 120. Spielzeit am Volkstheater gefeiert. Damit beginnt auch die Intendanz von Sewan Latchinian, der in Rostock Großes vorhat – auch wenn es schon jetzt Stolpersteine zu überwinden gilt. Denn eine Zielvereinbarung von Stadt und Land soll die finanziellen Weichen bis 2020 stellen. Was der neue Intendant dazu sagt und wie er das Rostocker Publikum zurückgewinnen will, verrät er im Interview mit NNN-Redakteurin Juliane Hinz.

Eigentlich wollte ich Sie zuerst nach dem „Stapellauf“ fragen. Aber nun lenken aktuelle Ereignisse im politischen Raum wieder von der inhaltlichen Arbeit am Volkstheater ab. Stadt und Land haben eine Zielvereinbarung erarbeitet. Im Oktober soll die Bürgerschaft abstimmen. Die Zuschüsse würden gedeckelt, die Schließung des Musiktheaters steht im Raum. Klingt ziemlich dramatisch...

Latchinian: Es gibt leider mehrere Deutungsmöglichkeiten, diese unklare Zielvereinbarung zu verstehen oder misszuverstehen. Beim ersten Lesen glaubte ich: Prima, endlich eine frohe Botschaft, eine kleine Sensation, bis 2020 werden dem Rostocker Volkstheater jährlich 16,6 Millionen Euro zugesichert. Das war für mich kurzzeitig ein Grund zur Freude. Denn wir sind parallel kurz vor dem Abschluss eines Haustarifvertrages mit dem Orchester. Das finanzielle Ergebnis wäre, dass wir bis 2020 elf Millionen Euro sparen, trotzdem die Musiker das ihnen zustehende Geld bis hin zur Ost-West-Angleichung endlich bekommen. Wenn Haustarif plus eine Zielvereinbarung gelingen, dann ist es zu schaffen, dass wir das Geld, das wir mehr brauchen, aus eigener Kraft aufbringen. Es gibt weiß Gott noch mehr Optionen, als eine Sparte zu schließen. Denn ich habe auch immer gesagt: Wir können aus wenig Geld viel besseres Volkstheater machen.

Sie sagten, die Zielvereinbarung sei kurzzeitig ein Grund zur Freude gewesen. Warum nur kurzzeitig?

Inzwischen fürchte ich, dass diese Zielvereinbarung der Einstieg in den Ausstieg der bisherigen Finanzierung durch das Land und die Kommune sein könnte – denn das Wörtchen „maximal“ hatte ich bei 16,6 Millionen überlesen. Jetzt befürchte ich den Einstieg in die Zerschlachtung des Volkstheaters Rostock, in das Verblutenlassen des Volkstheaters, um durch das Rostocker Geld noch schneller das Schweriner Staatstheater aufblühen zu lassen. So würde auch übrigens aus dem Haustarifvertrag mit dem Orchester nichts werden können. Das dürfen wir als stolze und schöne Hansestadt nicht hinnehmen.

Aber das Volkstheater ist auf die Unterstützung aus öffentlicher Hand angewiesen. Aus eigener Kraft war da bislang nicht viel zu machen. Wie wollen Sie die Einnahmen steigern?

Es ist unbezifferbar, was es ausmacht, wenn ein Theater ein positives Image hat. Dann kommen Sponsoring, Drittmittel, Einladungen zu Festivals, gute Gastspiele, Fernsehaufzeichnungen – das sind alles Einnahmen, die es lange nicht gab. Wenn es gelingt, diesen tragischen, gedemütigten, pessimistischen Punkt zu überwinden, dann setzt das Impulse frei, die sich in Geld niederschlagen. Und durch den Haustarifvertrag, der viele Jahre nicht gelungen ist, kann ich zum ersten Mal so optimistisch nach vorne blicken. Ich hoffe, dass die Bürgerschaft der Zielvereinbarung in einer angepassten Variante, mit festen und realistischen Zuschüssen, zustimmt und uns das Vertrauen ausspricht, dass wir es bis 2019 hinkriegen – auch wenn wir es jetzt noch nicht ganz genau mit Zahlen belegen können.

Allerdings kann auch immer noch etwas Unvorhergesehenes passieren. Da wird mal so ein Haus geschlossen...

Die Kosten, die beim Erhalt des Großen Hauses immer wieder entstehen, darf man nicht vom künstlerischen Etat des Volkstheaters abziehen. Da muss man klar trennen zwischen dem Kommunalen Eigenbetrieb für Objektbewirtschaftung als Vermieter und dem Volkstheater. Wenn das durchgehalten wird, kann immer mal wieder etwas passieren, aber dann ist das nicht kostenrelevant für das Theater. Insofern kann nur künstlerisch etwas scheitern. Aber das ist sowieso die Herausforderung, der wir uns jeden Tag stellen.

Sie wollen das Image verbessern. Ich glaube, das Volkstheater hat lange nicht so wenig Akzeptanz selbst in theaternahen Gruppen gehabt wie derzeit. Wie wollen Sie diesen Trend drehen?

Das Volkstheater ist jetzt schon besser als sein Ruf. Aber das lässt sich natürlich noch verbessern. Da kann ich nur auf mein künstlerisches Konzept verweisen mit dem Spektakel, mit zwei neuen Sparten, vielen Uraufführungen, ästhetisch ambitionierten und gesellschaftlich viel relevanteren Inszenierungen, mit Formaten wie der Balladenbrauerei und dem Kapitänsdinner. Auch die Zahl von mehr als 50 Premieren ist ein deutliches Zeichen. Der umgestaltete Theatervorplatz soll einladend wirken. Die Zeit des Dornröschenschlafs ist vorbei.

Der „Stapellauf“ ist der große Auftakt zu Ihrer Intendanz. Man hört schon ganz viel. Aber was erwartet die Besucher denn nun?

Der „Stapellauf“ wird unser Konzept von Theater als Fest, ein erstes Mal neu verabreden mit unserem Publikum. Wir präsentieren eine noch viel einladendere Grundhaltung als Gastgeber. Es gibt im Kartenpreis inklusive Begrüßungssekt, zwei große musikalisch-kulinarische Pausen, thematische Gastronomie. Ich hoffe, auch das macht einem Publikum noch mehr Lust, im Theater zu sein und das Theater zu empfehlen. Hinzu kommt die Dauer, die wir uns gestatten. Dass wir uns und unserem Publikum nicht nur kurzrastige Häppchen zumuten, sondern drei Stücke und danach eine gemeinsame Feier. Ich beobachte, dass es offensichtlich viele Menschen gibt, die nichts Beglückendes mehr mit dem Volkstheater verbinden und deswegen fragen: Ist das noch gut ausgegebenes Geld? Aber wir wollen durch besseres Theater zeigen, dass es eine gute Investition ist.

Wo steht das Volkstheater in seiner 120. Spielzeit?

Es ist ein traditionsreiches Haus, das aber gerade in den vergangenen 25 Jahren wenig Glück hatte und noch keine neue Identität gefunden hat, wie übrigens auch die Hansestadt selbst. Wir müssen endlich wieder Stadtgespräch werden. Die 120-jährige Tradition des Vier-Sparten-Theaters in Rostock gehört uns allen, sie ist nicht Privatbesitz eines Oberbürgermeisters oder eines Kulturministers. Und was eine Spartenverkleinerung betrifft: Weder in der Ausschreibung meiner Intendanz noch in meinem Konzept, für das ich ausgewählt worden bin, war davon die Rede. Außerdem empfehle ich uns allen mehr Selbstbewusstsein und Humor in der Angelegenheit und darf aus dem Rostocker Anzeiger vom 6. Dezember 1925 zitieren: „Theaternot! Aus dem ganzen Reich kommen in letzter Zeit die Klagen über die Not der Theater. Auch die mecklenburgischen Theater, das Rostocker wie das Schweriner, sind nicht auf Rosen gebettet. Das Rostocker Theater wirtschaftet zweifellos sparsamer als das Schweriner.“ Kommt uns das nach 100 Jahren bekannt vor?

Ein Weg hin zu den Rostockern und hin zum Stadtgespräch soll die Bürgerbühne sein. Würden Sie das Konzept bitte etwas detaillierter erklären?

In der Zielvereinbarung steht als eine Bedingung: „Stärkung und Ausbau des bürgerschaftlichen Engagements beispielsweise im Bereich von ehrenamtlicher Mitwirkung.“ Das ist ein Punkt, den wir mit einer Bürgerbühne komplett erfüllen. Eine emanzipierte Stadtgesellschaft braucht ein Forum. So gibt es viele Themen, die in einer Stadt virulent sind, für die es aber keine Dramen oder Opern aus der Vergangenheit gibt. Und diese Lücke füllt eine Bürgerbühne.

Beim Blick auf den Spielplan stolpert man über Bug, Heck und Zwischendeck – die Namen der vielfach neuen Spielstätten im Großen Haus. Welche Chancen und Herausforderungen bietet das neue Raumkonzept?

Wir haben im alten Haus Stätten gesucht, an denen auch Publikum sein kann. Mit einer dritten Spielstätte außerhalb könnte man sich beim Proben natürlich besser aus dem Weg gehen. Aber die Nachteile haben auch viele Vorzüge. Alles ist dichter beisammen. Die Mitarbeiter spüren sich mehr. Die Sparten entwickeln mehr Empathie füreinander. Auch aus dieser Not kann die Tugend entstehen eines wirklich wieder gelebten, spartenübergreifenden Volkstheaters, einer Einheit, die nicht amputiert werden kann.

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