#wirkoennenrichtig Lokal : Zwischen Steintor und Bahnhof

Ein wahres Schmuckstück ist auch das ehemalige Haus der Pioniere in der Rosa-Luxemburg-Straße geworden.
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Ein wahres Schmuckstück ist auch das ehemalige Haus der Pioniere in der Rosa-Luxemburg-Straße geworden.

Was zeige ich meinen Gästen? Stadtmitte – ein Viertel mit Geschmack

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24. Mai 2017, 15:00 Uhr

Besonders die 90er-Jahre des 19. Jahrhunderts haben das Gesicht der Hansestadt nachhaltig verändert. Während die Arbeiter der Aktiengesellschaft für Schiffs- und Maschinenbau Neptun die Kröpeliner-Tor-Vorstadt besiedelten, schuf sich das vornehme Besitz- und Bildungsbürgertum ein Pendant der anderen Art in der südlich gelegenen Steintor-Vorstadt. Sie wurde die neue gute Stube der Stadt.

Gärten und Ackerbürgerhäuser mussten weichen, um Platz zu schaffen für gediegene Villen auf großen Grundstücken und mit gepflegten Vorgärten. Diese waren neben dem baulichen Schmuck der Villen mit Türmchen, Rundbögen und Verzierungen die nach außen sichtbare Messlatte für den Reichtum der Besitzer. Aus Unterlagen der Kämmerei ist ersichtlich, dass Reeder Gramp für den Kauf seines Grundstücks in der Kaiser-Wilhelm-Straße 8 – der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße – für eine Quadratrute 200 Mark zahlte. Da eine Rostocker Waldrute 4,60 Meter betrug, umfasste eine Quadratrute 21,16 Quadratmeter. In den größeren Mehrfamilienhäusern lebten in repräsentativen Wohnungen von etwa 100 Quadratmetern vor allem Beamte, Lehrer, Ärzte. Zwei ruhige Plätze mit Grünanlagen und breite Straßen mit Schatten spendenden Bäumen und Straßengrün wurden charakteristisch für diese Wohngegend, die als teuerstes Viertel der Stadt galt und in der jegliches Gewerbe verboten war. Um 1900 lebten hier 6970 Bürger in 784 Häusern.

Auslöser für diesen gewaltigen Bauboom war der 1886 eröffnete Lloyd-Bahnhof, heutiger Hauptbahnhof, der bald den Friedrich-Franz-Bahnhof zum Güterbahnhof degradierte. Wer Interesse hat, eine Zeitreise zu machen, sollte sich unbedingt die Sonderausstellung im Kulturhistorischen Museum „Vorstadt der Bürger – Zwischen Steintor und Bahnhof in Rostock“ anschauen und möglichst auch an einer Führung teilnehmen. Es lohnt sich wirklich, die überdimensional vergrößerten Postkartenmotive anzuschauen und einen visuellen Bummel durch die Straßen dieser Vorstadt zu machen. Gut, wenn sich der Betrachter die Zeit nimmt, um auch die charakteristischen zeitgeschichtlichen Details zu betrachten. Um 1890 sieht er die robusten Gaslaternen, Pferdebahnen, die in der damaligen Mode gekleideten Einwohner, noch junge Straßenbäume. 1916 sieht das Foto – aufgenommen aus derselben Perspektive – völlig anders aus: Hohe Bäume, Schienen und Oberleitung für die elektrische Straßenbahn, ein Auto am Straßenrand. Ein Bummel durch die Steintor- und Bahnhofsvorstadt lohnt noch heute. Die Häuser sind saniert worden und eine Augenweide. Ebenso, gerade jetzt im Frühling, die Vorgärten mit gepflegtem Rasen, Rhododendren, Flieder und Goldregen. Übrigens, es scheint immer noch das Viertel der Anwälte, Steuerprüfer und Versicherer zu sein, bei denen die Adresse nicht unwichtig ist.

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