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Archäologie in Rostock : Wracks erzählen Geschichten

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Mitglieder der Gesellschaft für Schiffsarchäologie suchen und katalogisieren untergegangene Zeugnisse in der Ostsee #wirkoennenrichtig

svz.de von
erstellt am 06.Feb.2017 | 07:45 Uhr

Die Männer auf der Düne schauen prüfend auf das sturmgraue Meer. Martin Siegel, erster Vorsitzender der Gesellschaft für Schiffsarchäologie, hält eine Steuerung in den Händen, lenkt mit Hebeln und Knöpfen eine kleine Drohne über die See. „Über 20 Fundorte betauchen wir regelmäßig, wir finden aber häufig neue“, erzählt Siegel.

Vor einigen Tagen hatte er auf Luftbildern die Umrisse eines Wracks ausmachen können. „Häufig haben wir nur ein kurzes Zeitfenster zum Hinabtauchen, Ausmessen und Probennehmen“, erklärt Siegel. Denn die Sedimente würden sich rasch verschieben und die Wrackteile vielleicht schon bald wieder verdecken.

Während Siegel seine Drohne lenkt, bereiten sich Holger Franke und Andreas Jagusch auf ihren Tauchgang vor. In Neopren-Anzüge verpackt, wollen sie zu dem Gerippe vorstoßen. „Da wir in der Unterwasserarchäologie nicht immer die Chance haben, die Wracks vor Ort zu erhalten, setzen wir viel auf digitale Konservierung. Das bedeutet: viele Fotos machen, die wir dann mit einem Programm zu einem 3D-Modell zusammenfügen“, so Siegel. „Die Technik macht es möglich. Und das ist gut so, denn vieles kann verloren gehen.“

Die Gründe dafür sind sowohl natürliche Umwelteinflüsse als auch der Mensch selbst. „Raubtaucher, wie wir sie nennen, verändern und beschädigen die Wracks erheblich“, erklärt Siegel. Die größte Gefahr gehe jedoch vom Schiffsbohrwurm aus. Trotz des irreführenden Namens handelt es sich hierbei nicht um einen Wurm, sondern um eine Muschel. „Der Schiffsbohrwurm greift Wracks und Pfahlbauten an, frisst sich durch das Holz und zerstört die Strukturen.“ Dadurch werden laut Siegel viele gesunkene Schiffe nachhaltig beschädigt. „Es gibt dafür kaum eine Lösung. Wir versuchen mittlerweile, Wracks mit Gummiplatten abzudecken, um den Befall zu verhindern.“

Der Verein bemühe sich in diesen Fällen ganz konkret um die Erhaltung von geschichtlichen Zeugen der Rostocker Seefahrt, so Siegel. Doch auch anderweitig setzen sich die Schiffsarchäologen ein. „Wir bieten zum Beispiel einen sechstägigen Lehrgang an, bei dem wir unsere Arbeit vorstellen und an dem Sport- und Freizeittaucher teilnehmen können. Er soll einen Einblick in unsere Arbeit vermitteln“, erklärt der Vorsitzende. Das Angebot werde gut angenommen: „Da kommen Taucher aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz.“

Die 42 Mitglieder des Vereins setzen sich nicht ausschließlich aus Tauchern zusammen. Auch Geschichtsinteressierte gehören ihm an – sie stehen den Unterwasser-Spezialisten mit Recherchen zu den Wracks zur Seite. „Was wir uns wünschen würden, wäre Unterstützung bei der Übersetzung aus dem Frühneuhochdeutschen und dem Mittelhochdeutschen – also den mittelalterlichen Sprachen. Damit könnte es uns vielleicht gelingen, Havarieprotokolle zuordnen zu können“, sagt Siegel.

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