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100-Millionen-Theater : Wird das Rostocks Elphi?

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Neue Kostenanalyse weckt Angst vor Finanzdesaster wie in Hamburg. Kritiker fordern Alternativen #wirkoennenrichtig

von
erstellt am 22.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Schon vor der Detailplanung mehr als eine Verdopplung der Baukosten auf 102,5 Millionen Euro – Rostock fürchtet eine zweite Elbphilharmonie. „In Hamburg haben sie auch mal mit 77 Millionen Euro angefangen“, sagt Steffen Wandschneider (SPD). Am Ende kostete der Vorzeigebau mit 789 Millionen Euro mehr als das Zehnfache. „Das wird es in Rostock nicht geben“, so Wandschneider, der Alternativen fordert. Denkbar seien beispielsweise eine Kombination aus Halle 207 und einem Schauspielhaus-Neubau oder doch die Sanierung des Großen Hauses.

Das sei umso notwendiger, da höhere Baukosten auch höhere Betriebskosten und Abschreibungen bedeuteten, so Wandschneider. Seiner groben Schätzung zufolge wären das zwei bis fünf Millionen Euro extra pro Jahr. Daniel Peters (CDU) und Malte Philipp (UFR) wollen einem derart teuren Neubau ebenfalls nicht zustimmen. „Gegenüber dem Bürger ist das unverantwortlich“, so Peters, der ergänzt: „Bei Kitas, Schulen, Straßen, Sportanlagen, Geh- und Radwegen gibt es einen Sanierungsstau – das muss ich gegen das Theater aufrechnen, denn das Geld fehlt am Ende.“ Beispielsweise bei den Sportvereinen mit ihren 50 000 Mitgliedern. Im Verhältnis zu ihnen werde das Theater von relativ wenigen Einwohnern genutzt.

Dass ein Theater gebraucht werde, darin sind sich aber auch die Kritiker einig. „Wir sind bereit, offen und unvoreingenommen zu gucken, an welchen Stellschrauben der Pläne gedreht werden kann“, sagt Philipp. Es sei aber klar, dass die ursprünglich von Stadt und Land vereinbarten 50 Millionen Euro nicht reichen. Mit ausgehandelt hatte diese Zahl der heutige Finanzminister Mathias Brodkorb (SPD). Er zeigt sich überrascht vom jetzt vorgelegten dreistelligen Millionenbetrag, der mit Baukostensteigerungen noch deutlich anwachsen könne, erklärt aber auch: „Ich bin nicht überzeugt, dass es so teuer sein muss.“ Denn die Fachleute hätten die optimale Variante ausgearbeitet, bei der voraussichtlich noch Abstriche möglich seien. Vonseiten des Landes bleibe es bei der Zusage eines 25-Millionen-Euro-Zuschusses.

Eva-Maria Kröger (Linke) will dieses Limit nicht hinnehmen. „Das Land muss sich kritisch hinterfragen“, fordert sie. Außerdem müsse es sich beim Bund für Fördermittel stark machen und seine Auflage zurücknehmen, den Zuschuss mit Rostock ohnehin zustehenden Städtebaufördermitteln zu verrechnen. Auch sie betont, es sei schon lange klar gewesen, dass 50 Millionen Euro bei Weitem nicht ausreichen.

Von einer erneuten Standortdebatte hält Kröger nichts. „Die Entscheidung für den Bussebart ist auf Grundlage fundierter Argumente gefallen“, sagt sie. Jetzt noch mehr Zeit zu verschwenden, treibe die Kosten noch weiter in die Höhe, fürchtet auch Uwe Flachsmeyer (Grüne). Er lehnt einen Neubau im Osthafen oder am Gehlsdorfer Ufer schon deswegen ab, „weil er verkehrstechnisch nicht gut angebunden ist“. Zudem würde das Theater so eher aus der Stadt rausgezogen. Flachsmeyer stellt außerdem klar: „Es muss ein vollwertiges Mehrspartentheater mit eigenem Ensemble sein.“

Neu eröffnet hatte die Standortdebatte Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos). Sybille Bachmann von der Fraktion Rostocker Bund/Graue/Aufbruch 09, begrüßt den Vorstoß. „Ich könnte mir eine Einordnung auf dem Gelände der ehemaligen Deponie vorstellen, deren Sanierung zugleich förderfähig wäre“, erklärt sie. „Von der Silohalbinsel könnte eine Brücke nach Gehlsdorf gehen, sodass man auch zu Fuß zum Theater könnte und das Auto im Parkhaus bliebe.“

So geht es nicht
In der aktuellen Studie heißt es, mit 102,5 Millionen Euro liege Rostock in etwa auf einem Niveau mit anderen Theaterneubauten. Daher muss die Frage erlaubt sein, auf welcher Basis Stadt und Land ihre 50 Millionen Euro ermittelt haben, die lange Zeit als Obergrenze kommuniziert wurden. Allein mit gestiegenen Baukosten lässt sich dieser krasse Unterschied nicht erklären. Nun steht erneut die Frage im Raum: Kann sich Rostock das leisten? Die Antwort lautet: Ja – aber nur auf Kosten vieler anderer Einrichtungen in der Stadt. Immerhin würden allein für den Bau die städtischen Erträge von fünf Jahren verbraucht, erklärt Oberbürgermeister Roland Methling. Vorausgesetzt natürlich, die positive wirtschaftliche Entwicklung hält weiter an. Hinzu kommen entsprechend höhere Folgekosten, die mit dem aktuellen Etat des Volkstheaters bei Weitem nicht abgedeckt sind. Lohnt sich das? Im ersten Halbjahr 2017 registrierte die Bühne rund 43 600 zahlende Besucher... Wenn es nicht gelingt, die Neubaukosten drastisch zu senken, müssen günstigere Alternativen her.
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