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Rostock : Video: Polizei räumt besetzte „Betty“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Aktivisten betonieren sich ein und müssen in stundenlanger Aktion aufwändig herausgeschnitten werden. Abrissgegner kritisieren das Land #wirkoennenrichtig

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erstellt am 19.Okt.2017 | 20:45 Uhr

74 Beamte sowie viele Betty-bleibt-Unterstützer und Zaungäste haben am Donnerstag die Räumung des besetzten ehemaligen Elisabethheims in der Ulmenstraße begleitet – von 7.30 Uhr bis etwa 15 Uhr, bei laufendem Mensa-Betrieb. Vier Männer und eine Frau zwischen 18 und 51 Jahren wurden herausgebracht.

„Jetzt war der Zeitpunkt, ab dem alle anderen Mittel ausgeschöpft waren“, sagt Polizeisprecherin Yvonne Hanske. Seit Dienstag vergangener Woche hatten die Aktivisten sich im Haus verschanzt – ein Protest gegen den vom Studentenwerk geplanten Abriss, um auf dem Areal eine Mensa mit Studentenwohnheim zu errichten. Ein Erhalt würde teurer. „Die Besetzung hat uns mit dem Rücken an die Wand gestellt“, sagt Studentenwerk-Leiter Kai Hörig. Neben der Einsturzgefahr im Haus habe eine Botschaft aus dem Haus die Lage verändert. Es sei aufgerufen worden, dass weitere Besetzer folgen. Deswegen sei die Entscheidung zur Räumung mit der Polizei gefallen.

 

Anfang der Woche war noch verhandelt worden. „Dieses Gespräch ist gar nicht richtig beendet worden“, kritisiert ein Vertreter der Initiative Betty bleibt, der bei der ersten Besetzung um das Wahlwochenende im Haus war. Dort gebe es keine generelle Einsturzgefahr, nur einige gefährliche Stellen, weil das Dach partiell undicht sei. Diese habe man selbst gesperrt. Große Kritik der Initiative: Es war verhindert worden, dass Essen zu den Besetzern hereinkommt, wofür sich Studentenwerk und Polizei die Schuld hin- und hergeschoben hätten.

Der letzte Besetzer: Der 51-jährige Rostocker hatte sich einbetoniert, verschanzt im Keller. Er wurde anschließend untersucht: Blutdruck 110:70 und emotional angespannt.
Der letzte Besetzer: Der 51-jährige Rostocker hatte sich einbetoniert, verschanzt im Keller. Er wurde anschließend untersucht: Blutdruck 110:70 und emotional angespannt. Foto: tret
 

Die ersten beiden Besetzer, zwei junge Männer, wurden gleich morgens aus dem Haus geführt. Drei andere blieben zurück. Sie hatten ihre Arme eingegipst, angekettet und betoniert. „Die mussten wir mit schwerem Gerät ganz vorsichtig befreien“, so Polizeisprecherin Hanske. Verletzt wurde niemand. Gegen alle fünf Besetzer wurde ein Verfahren eingeleitet wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch. Technik wie Laptop und Kamera wurden teils einbehalten, angeblich teils entsorgt.

Draußen hielten zeitweise 30 Unterstützer eine angemeldete Mahnwache ab. Gegen einzelne wurden Platzverweise ausgesprochen – einem jungen Mann für die komplette KTV, weil er sich dem Gebäude genähert hatte. Beamte hatten angenommen, er wolle hereinstürmen, was er bestreitet: „Ich hatte meine Personalien angegeben und wurde trotzdem an die Wand gestellt und durchsucht.“„Polizisten, die vor dem Gebäude warten, haben einen anderen Umgang gezeigt, als die drinnen“, sagt ein 29-jähriger Besetzer. Die Zeit sei für ihn stressig gewesen – er sei ja quasi freiwillig gefangen gewesen – aber auch schön, weil er für den Erhalt des Stadtbildes und die Forderung nach soziokulturellen Freiräumen eintrat. „Die öffentliche Diskussion muss stattfinden, weil die Leute sich sonst radikalisieren“, sagt Kristina Koebe, die die Betty-Petition initiiert hatte. „Wir wissen, dass Herr Hörig nur der Platzhalter ist.“ Adressat der Kritik sei eigentlich das Land, das sich raushalte. Laut Hörig soll die Betty nun so bald wie möglich abgerissen werden. Am Donnerstag wurde entkernt.

Kommentar von Nicole Pätzold-Glaß: Es gibt kein Schwarz-Weiß
Die Betty-Frage ist vielschichtig. Für das Studentenwerk kommt eine Sanierung teurer als ein Neubau. Das erscheint ihm wirtschaftlich nicht machbar, wohl auch, weil das Land nicht aushelfen würde. Die Demonstranten wollen das Stadtbild erhalten und fordern soziokulturelle Freiräume. Mit der Besetzung wollten sie Aufmerksamkeit, die ihnen vorher verwehrt blieb. Und die Polizei? Die machte auch nur  ihren Job – einige diplomatischer als andere. Wenn man genauer hinhörte: Diese Umstände waren den meisten völlig bewusst, dass Demonstranten nicht pauschal verrückte Aktivisten sind, Polizisten keine brutalen Räumer und die Handwerker  nur bestellt. Was die Besetzung gezeigt hat: Es gibt Gesprächsbedarf in Rostock – für die Betty, soziokulturelle Freiräume und auch zur Transparenz bei Bauvorhaben allgemein.
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