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Rostock : Streetworker fordern Raum für die Jugend

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Kritik: Stadt schafft zu wenig Rückzugsmöglichkeiten #wirkoennenrichtig

von
erstellt am 19.Mai.2017 | 08:00 Uhr

Nach den Auseinandersetzungen am KTC, in den Wallanlagen und am Doberaner Platz haben Rostocks Jugendliche einen schlechten Ruf. Zu unrecht, finden Bettina Zielinski und Wolfgang Schimmelpfennig. Die beiden sind seit Januar beziehungsweise Oktober als Streetworker des Vereins Soziale Bildung im Einsatz und kennen das zentrale Problem der Jugendlichen: fehlende Rückzugsräume. „Das KTC ist der größte Jugendclub Rostocks“, sagt Schimmelpfennig. Aber auch Stadthafen, Wallanlagen, Jakobiplatz und die Flächen an der Petribrücke seien beliebte Treffpunkte – an denen die 13- bis 17-Jährigen aber häufig nicht gerne gesehen seien.

„Da wurde in den letzten 20 Jahren sehr viel vonseiten der Stadt versäumt“, sagt Schimmelpfennig. Von den drei Jugendclubs in Rostock habe nur einer bis 20 Uhr geöffnet und in den Stadtteil- und Begegnungszentren klaffe eine große Angebotslücke. „Wir wollen die Stadt dazu bewegen, mehr Flächen und Räume vorzuhalten“, sagt der 42-Jährige. Danach würden auch die Jugendlichen selbst in den Gesprächen immer wieder fragen. Um dieser Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, organisieren die Streetworker und ihre Helfer heute einen Aktionstag auf der Haedgehalbinsel. Sonst sind die beiden in der Regel mittwochs bis sonnabends zwischen 16 und 23 Uhr unterwegs, bei Bedarf auch länger.

„Wir suchen die Jugendlichen da auf, wo sie sind – deswegen ist Streetwork so eine tolle Methode“, sagt Zielinski. Es gebe schlicht keine Barriere zu überwinden und jeder Jugendliche, der will, kann die Tipps der Sozialarbeiter in Anspruch nehmen oder einfach nur ein wenig mit ihnen plaudern. „Ganz wichtig sind Freiwilligkeit und Vertrauen“, sagt die 32-Jährige, die parteilos, wert- und vorurteilsfrei agiert. Sie und Schimmelpfennig helfen den Jugendlichen beispielsweise bei der Praktikumssuche, der Entscheidung für einen Ausbildungsplatz oder der Wohnungssuche. In der Regel drehen sich die Gespräche aber um die täglichen Erlebnisse, wer mit wem kann oder eben nicht, um Hansa. „Zuhören ohne zu kritisieren“, benennt Schimmelpfennig das Erfolgsgeheimnis.

Nach dem jüngsten Vorfall am Karfreitag am KTC sei das zu kurz gekommen. „Da gab es eine kleine Auseinandersetzung, bei der es um ein Mädel ging“, erklärt Schimmelpfennig. „Das waren Hahnenkämpfe.“ Dass die Polizei im Anschluss massiv Präsenz zeigte, sei verständlich. Aber „die Jugendlichen fühlten sich alle kriminalisiert“. Sie stärker einzubeziehen, sei der richtige Weg.

Kommentar "Lohnende Investition" von Torben Hinz

Die Hansestadt sollte nicht nur mehr Angebote für ihre Jugendlichen schaffen, sondern auch ihre klassische Straßensozialarbeit stärken. Das aktuelle Modellprojekt läuft – Stand jetzt – nur noch bis August. Es hängt wie immer an der Finanzierung. Dabei ist gerade für diese Arbeit Kontinuität wichtig. Schließlich geht es darum, das gerechtfertigte Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen. Nur so können die Streetworker  ihnen bei ihren Problemen helfen, bevor es überhaupt zu größeren Auseinandersetzungen kommt. Denn mehr Rückzugsmöglichkeiten allein werden die altersbedingten Konflikte nicht vermeiden, sondern sie maximal in weniger öffentliche Bereiche verlagern. Den Jugendlichen wäre damit nicht geholfen. Genau das aber muss das erklärte Ziel aller Beteiligten sein.

 

Heute Aktionstag

Unter dem Motto „Reclaim your streets – die Haedge gehört uns“ erobern Jugendliche heute die Haedgehalbinsel für sich. Beim dritten Aktionstag dieser Art wartet zwischen 16 und 21 Uhr ein vollgepacktes Programm. Unter anderem steht eine Graffiti-Wand vor Ort, an der sich die Besucher ausprobieren dürfen und an einem Workshop teilnehmen können. Außerdem sind in einer Zukunftswerkstatt ihre Vorstellungen zur Entwicklung des Stadthafens gefragt. Bands spielen live, auf der Open Stage kann sich aber auch jeder selbst verwirklichen. Zudem gibt es Kicker, Kubb, Grillen, InfoStände und ein rotes Sofa. Auf dem werden gegen 17 Uhr Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) und Ordnungssenator Chris Müller (SPD) Rede und Antwort stehen.

 

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