Testlauf in Rostock : Schreckensszenario auf dem Tradi

Gut eine halbe Stunde hat ein junger Mann am Boden gekauert. Nun wird er abtransportiert. Ein Helikopter wird ihn an Deck übernehmen. Die Komparsen waren im Vorfeld geschminkt und auf ihre Rollen vorbereitet worden, die für die Crew zur Herausforderung wurden.
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Gut eine halbe Stunde hat ein junger Mann am Boden gekauert. Nun wird er abtransportiert. Ein Helikopter wird ihn an Deck übernehmen. Die Komparsen waren im Vorfeld geschminkt und auf ihre Rollen vorbereitet worden, die für die Crew zur Herausforderung wurden.

Institut probt Schadensfall, um zu prüfen, wie Crews einen Massenanfall bewältigen. 100 Komparsen, Seemänner und Beobachter im Einsatz #wirkoennenrichtig

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26. September 2017, 08:00 Uhr

„Es ist kalt draußen, aber ruhige See, wir befinden uns auf einem Passagierschiff“, schildert Dr. Dana Meißner vom Warnemünder Institut für Sicherheitstechnik/Schiffssicherheit ein fiktives Szenario, das gestern von 8 Uhr an bis in den Nachmittag auf dem Traditionsschiff inszeniert wurde.

„Es gab einen Brand im Erlebnisrestaurant. Der ist zum Glück unter Kontrolle. Aber es gibt etwa 50 Verletzte – mit Verbrennungen und Rauchgasvergiftungen.“ Mehr als 20 echte Crew-Man, Mitglieder der Reedereien Laeisz, Scandlines, Stena-Line und TT-Line, sowie Nautik-Studenten haben gestern versucht, der Lage Herr zu werden. „Es gibt bestimmte Konzepte durch das Havariekommando Deutschland, aber für diesen Massenanfall ist nicht vorgedacht“, erklärt Meißner. Seit 2014 hat das Institut in einem dreijährigen vom Bundesbildungsministerium geförderten Projekt Kompass hinterfragt, wie sicher es auf See wirklich ist und wie die Versorgung verbessert werden kann. Die Warnemünder arbeiteten im Verbund mit sechs Partnern wie der Unimedizin Greifswald und dem Unfallkrankenhaus Berlin.

„Wir waren auf verschiedenen Fährschiffen, haben mit Besatzungen gesprochen, aber gemerkt, dass sie sich nicht auskennen.“ Dabei gebe es auf Fährschiffen im Sommer schon mal 500 Passagiere und nur 40 Crew-Mitglieder. Ein schlechter Betreuungsschlüssel für den Notfall. Ihrer Test-Crew haben Meißner und Co. ein im Projekt neu entwickeltes Konzept an die Hand gegeben, um es zu erproben.

Nach einer knapp einstündigen Einweisung ging es los: Das Licht geht aus unter Deck, nur durch die Bullaugen fällt ein Schein. „Es ist eine Sondersituation. Wir haben versucht, Stress aufzubauen, und das – glaube ich – auch geschafft“, sagt Denis Gümbel, Unfallchirurg aus Greifswald. Ein gut 120 Kilogramm schwerer Mann liegt am Fuße der Treppe und kann nicht allein laufen, eine Französin am anderen Ende des Sunny Side Restaurants schreit hysterisch nach ihrem Mann Egon. Ein Mädchen mit blutüberströmtem Bein weint, andere wimmern. Fast bricht Panik aus. Dazwischen die angespannte Crew – in Schutzanzügen, mit Taschenlampen.

Einer der Komparsen, und erfahren in solchen Rollen, ist Timo Schmitz, im richtigen Leben gelernter Notfallsanitäter und heute Medizinstudent aus Greifswald. „Das Problem ist, du hast keine Übersicht und viel zu wenig Kräfte. Das ist immer Chaos.“ Und das sei auch klar gewesen, meint Gümbel. Aber die Arbeitsteilung habe geklappt. Er war als stiller Beobachter im Einsatz, andere als Betreuer, die den Komparsen Kommandos wie „Du blutest schon lange, schrei nicht so viel“, gaben. „Am Ende ist wichtig, wie hat sich die Crew bei allem gefühlt“, sagt Gümbel. Dazu würden die Videoaufnahmen, Fotos und Angaben der Komparsen ausgewertet.

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