Stadtentwicklung : Rostock braucht neue Stadtviertel

Gastgeber und Rostock Business-Chef Christian Weiß (v. r.) im Gespräch mit Patrick Schmidt und Gregor Grassl, die auf dem Immobilientag über Rostocks Zukunft referierten.
Gastgeber und Rostock Business-Chef Christian Weiß (v. r.) im Gespräch mit Patrick Schmidt und Gregor Grassl, die auf dem Immobilientag über Rostocks Zukunft referierten.

400 Hektar Fläche werden in der Hansestadt allein für neue Wohnungen benötigt. #wirkoennenrichtig

svz.de von
12. Mai 2017, 05:00 Uhr

Die Hansestadt hat ein Platzproblem. Wenn die Berechnungen stimmen und Rostock bis 2035 auf 231 000 Einwohner wächst, dann werden allein 400 Hektar Fläche für neue Wohnungen benötigt. Das erklärte gestern Patrick Schmidt vom Stadtplanungsamt beim 15. Immobilientag im Radisson Blu Hotel, zu dem die Wirtschaftsfördergesellschaft Rostock Business rund 150 Branchenvertreter eingeladen hatte.

Die Idee zur Erweiterung von Biestow sei dabei nur ein erster Vorstoß gewesen. In der Verwaltung wird aktuell an einem neuen Flächennutzungsplan gearbeitet, welcher der Hansestadt nach Fertigstellung für gut 15 Jahre als Planungsrichtlinie dienen soll. „Im aktuellen Plan, der aber schon 15 Jahre alt ist, haben wir noch Reserven für rund 6600 Wohnungen. Bis 2035 brauchen wir aber weitere 20 000“, sagte Schmidt, der im Amt die Abteilung für Stadtentwicklung leitet. Wachstum könne zum Problem werden, wenn nicht frühzeitig darüber geredet würde, wo es passieren soll.

Deshalb gab es im März ein erstes Forum zur Bürgerbeteiligung, ein weiteres sei für Herbst geplant. Mit Blick auf den Bedarf müssten wichtige Fragen im Vorfeld geklärt werden. „Zum Beispiel, ob wir auf Freiraumbebauung oder Innenraumverdichtung setzen und wie stark Potenziale ausgenutzt werden“, so Schmidt. Ist Platz für Eigenheime eher gewollt als für Hochhäuser, die auf gleicher Fläche deutlich mehr Wohnungen bieten? Geklärt werden müsse auch: „Entscheiden wir uns für viele kleine Wohngebiete oder wenige große und schaffen damit ganz neue Stadtteile – und inwieweit ist das überhaupt gewollt?“

Ebenfalls mit einzubeziehen sei der Bedarf an Gewerbeflächen. „Wir haben noch 125 Hektar kurzfristig nutzbare Gewerbeflächen im Plan, aber nicht alle gehören der Hansestadt“, so Schmidt. Die Teilnehmer des Immobilientages hatten sich bereits Mittwochabend verschiedene Entwicklungsstandorte angeschaut, zum Beispiel den Schlachthof, den Groten Pohl und das Haus der Innovationen in der Carl-Hopp-Straße.

„Die Ansprüche an Gewerbeflächen steigen ständig und nähern sich teilweise denen fürs Wohnen“, erklärte Schmidt. Aktuell würde das Beratungsbüro Cima für die Stadt eine Gewerbeflächenkonzeption erarbeiten. „Wir gehen von einem ersten Bedarf von rund 110 Hektar für gewerbliche Bauflächen und 17 Hektar für Wissenschaft und Technologie aus“, sagte Schmidt. Diese Zahlen würden auch dazu führen, dass sich die Verantwortlichen fragen, ob in Biestow ein Teil für Gewerbe oder doch nur ein reines Wohngebiet entstehen soll. „Wir wissen jetzt, was wir bräuchten, müssen uns aber fragen, wo es geeignete Räume dafür gibt“, erklärte er. Eingemeindungen oder die Abgabe von Bedarfen ins Rostocker Umland schließt Schmidt aus. „Dann verlagern wir die Gewinne, haben aber trotzdem die Einpendler und damit erhöhte Infrastrukturkosten.“

Kommentar von Claudia Labude-Gericke: Wachstum um jeden Preis?
Die 207 000 Rostocker, die schon in der schönsten Stadt am Meer leben, müssten nachvollziehen können, dass immer mehr Menschen das auch wollen. Doch der Platz ist knapp, schon jetzt wird fast jeder B-Plan von Protesten begleitet. Die Zahlen, die jetzt aus dem Stadtplanungsamt bekannt werden, dürften diese Probleme weiter verschärfen. Deshalb müssen sich die von der Bevölkerung gewählten Entscheider fragen, was sie wollen: Die Stadt immer weiter vergrößern, sodass zwar viele darin leben, aber das Frustpotenzial hoch und kaum noch Freiraum vorhanden ist. Oder die Bremse einlegen und mit der bestehenden Größe weitermachen. Klar, neues Gewerbe bringt frisches Geld, neue Jobs und Einwohner. Und Rostock ist keine Insel, die sich gegen Zuwachs abschotten kann. Aber die wichtige Frage ist, für welchen Preis der zugelassen wird – und wer den zahlt.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen