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Sicherheit in Rostock : Retter schocken Fahranfänger

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Projekt Crash Kurs MV soll Jugendliche für Gefahren im Straßenverkehr sensibilisieren und setzt dazu auf ungeschönte Unfallbilder #wirkoennenrichtig

von
erstellt am 25.Jan.2017 | 21:00 Uhr

Das Licht der Aula in der Hundertwasser Gesamtschule ist leicht gedämpft. Auf der großen Leinwand über der Bühne am Ende des Saals läuft ein Film – er zeigt tote oder schwer verwundete Menschen, zerstörte Fahrzeuge, Blut am Steuer eines Autowracks, Rettungskräfte, die an den Unfallstellen um das Leben der verunglückten Menschen kämpfen. „Anfangs noch heiße Musik… dann kalte Erde… und unendliche Stille.“

Ruhe herrscht auch bei den gut 90 anwesenden Jungen und Mädchen, die an dem landesweiten Verkehrssicherheitsprojekt Crash Kurs MV des Polizeipräsidiums Rostock für Fahranfänger im Alter von 18 bis 25 Jahren teilnehmen. Diese Veranstaltung setzt auf ungeschönte Tatsachen und Bilder. Die Videosequenz ist beendet, Polizistin Yvonne Marten erhebt sich langsam von ihrem Stuhl und tritt vor die Jugendlichen. „Wir wollen euch die Rettungskette bei einem Verkehrsunfall näherbringen – und was danach bleibt“, leitet die Beamtin ein.

Insbesondere ins Mark geht die Geschichte des Not- und Oberarztes Dr. Gernot Rücker über den Verkehrsunfall der 21-jährigen Nicki: „Sie war ansprechbar, aber ihr rechtes Bein war halb abgerissen und hing im Autowrack fest.“ Den Jugendlichen stockt der Atem. Der Arzt wirft Bilder des blutüberströmten Körpers auf der Rettungstrage an die Leinwand. Die offenen Wunden sind zu sehen.

„Bei solchen Verletzungen bleibt den Einsatzkräften maximal eine Stunde, um das Leben der jungen Frau zu retten. Wir brauchten mit dem Rettungshubschrauber 18 Minuten bis zur Unfallstelle“, so Rücker. Nicki war an einem sonnigen Frühlingstag mit 130 Kilometern pro Stunde gegen einen Baum gefahren, „weil sie für eine Zehntelsekunde einen Blick aufs Handy riskierte“, so der Notarzt. Zig Operationen und drei Monate im Krankenhaus später musste Nicki mit einem sieben Zentimeter kürzeren Bein und vielen Narben leben. Der Notarzt hält noch immer den Kontakt mit der jungen Frau. Viel Zeit zum Durchatmen bleibt den Jugendlichen nicht: Polizeiseelsorger Christophorus Baumert tritt vor die Menge und berichtet, wie er zwei Familien vom Unfalltot der Kinder unterrichten musste. „Wenn man eine solche Nachricht überbringt, verändert das alles. Es ist, als würde aus dem Raum, in dem man ist, alles Leben ausgesaugt“, sagt Baumert mit ruhiger Stimme.

Und schließlich der erschütternde Bericht von Ottmar Saffan, der nach stundenlangem Warten gegen Mitternacht die Gewissheit bekam, dass sein Sohn ohne eigene Schuld mit dem Motorrad tödlich verunglückt war.

Insgesamt 80 Menschen kamen bei Verkehrsunfällen im Jahr 2015 auf den Straßen von Mecklenburg-Vorpommern ums Leben, davon waren elf Fahranfänger im Alter von 18 bis 25 Jahren. Schwerverletzte waren es in dem Jahr 125. „Die Zahlen für das Jahr 2016 sind noch nicht ausgewertet, aber die Anzahl der Todesopfer ist ungefähr gleich geblieben. Bei den Schwerverletzten ist hingegen eine abnehmende Tendenz zu bemerken“, erklärt Sophie Pawelke, Sprecherin der Landespolizei von MV.

Noch immer herrscht absolute Stille in der Aula, vereinzelt ist ein Schniefen zu hören. „Wir haben relativ viele Fahranfänger unter den Auszubildenden, deswegen ist eine solche Veranstaltung sinnvoll“, sagt Doreen Schumann, Schulleiterin der Hundertwasser Gesamtschule, und ergänzt: „Ich denke, die Schüler haben vor allem in den kommenden Tagen Redebedarf.“

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