Rostock : Mysteriöse Drogen fordern Opfer

Gernot Rücker, Ärztlicher Leiter an der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Universitätsmedizin Rostock
Gernot Rücker, Ärztlicher Leiter an der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Universitätsmedizin Rostock

Im Dezember starben mehrere Menschen in Rostock auf mysteriöse Art. Experte der Uni klärt über Problemlagen auf. Ursachensuche läuft #wirkoennenrichtig

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23. Dezember 2016, 05:00 Uhr

7. Dezember, Brinckmansdorf und Lichtenhagen: Zwei Mütter finden ihre Söhne, 16 und 25, unabhängig voneinander tot in deren Betten. 10. Dezember, Lütten Klein: Zeugen finden ihre Nachbarin und zwei Männer tot. In allen Fällen waren mysteriöse Substanzen im Spiel. 14. Dezember, gleicher Ort, ein paar Wohnungen weiter: Die Polizei findet ein Kilogramm Amphetamin, Marihuana und 42 Gramm eines nicht näher bestimmten Streckmittels, weißes Pulver.

Wie kann das sein? So kurz nacheinander. Ist eine neue Modedroge im Spiel? Suizid? Zufälle? „Rostock ist eigentlich ziemlich still“ – hinsichtlich von Drogen, meint Dr. Gernot Rücker von der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Rostock. Seit fast zehn Jahren forscht er zu dem Thema mit der Uni-Rechtsmedizin. Die Hansestadt sei „fast schon provinziell“ im Vergleich zu anderen Städten, sagt er. Aber nicht provinziell für das Bundesland.

Hinsichtlich von Drogen habe Rostock die „höchste Belastung je 10 000 Einwohner in MV“, sagt Christian Bochow vom Polizeipräsidium. 2015, der Bericht für 2016 ist noch nicht abgeschlossen, waren 809 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz erhoben worden, im Vorjahr 596. Die Erklärung liegt auch in den verstärkten Kontrollen. „Wir haben einen Schwerpunkt darin erkannt und mehr kontrolliert“, sagt Bochow, gerade im Straßenverkehr. So müsse es nicht unbedingt einen tatsächlichen Anstieg geben. Die Polizei ist nur mehr hinterher.

Gernot Rücker wäre es manchmal lieber, in Deutschland würde mehr gegen Alkohol unternommen. Daran würden jährlich rund 75 000 Menschen sterben, an den rund 230 anderen berauschenden Substanzen 1000 Menschen. Cannabis, zumindest in seiner natürlichen nicht chemischen Form, habe übrigens niemanden auf dem Gewissen. „Es ist nicht giftig, also nicht tödlich“, sagt Rücker. Jeder Fünfte Rostocker habe es schon konsumiert.

Doch warum war in den jüngsten Rostocker Fällen nicht klar, womit die Polizei es zu tun hat? Sie konnte doch auch einwandfrei Amphetamin und Marihuana bestimmen. Die Antwort: Einige Dealer versuchen, sich quasi zu legalisieren, indem sie Betäubungsmittel strecken und ein paar Moleküle mehr, Badesalzessenzen oder Kräuter hinzufügen. Ihre Hoffnung: Damit nicht unter das Betäubungsmittelgesetz zu fallen, oder es den Ermittlern zumindest schwerer zu machen, erklärt Rücker. Durch den Umbau von Molekülen können neue Designerdrogen entstehen, aber das seien nur 20 bis 30 im Jahr in ganz Deutschland. Gepanscht werde viel mehr. Und das – die Zusatzstoffe, die Kombinationen – sei das eigentliche Problem. „Mindestens die Hälfte weiß nicht einmal, was sie nimmt“, sagt Rücker, viele Dealer nicht, was genau sie verkaufen. „Das kann tödlich werden.“ Doch auch die Dealer hätten kein Interesse daran, dass ihre Kunden sterben. „Ein toter Kunde, ist ein schlechter Kunde“, sagt Rücker. Das Rostocker Rätsel löst sich mit der toxikologischen Untersuchung, die allerdings hoch kompliziert werden kann.

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