#wirkoennenrichtig hafen : Kraftpakete im Wandel der Zeit

Die Schlepper-Crew Siegfried Kempe (v. l.), Andre Stark und Roland Fleischer von „Bugsier 16“. Hier an Bord von „Bugsier 17“, die gegenwärtig das Stammschiff vertritt. Fotos: rfra, archiv
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Die Schlepper-Crew Siegfried Kempe (v. l.), Andre Stark und Roland Fleischer von „Bugsier 16“. Hier an Bord von „Bugsier 17“, die gegenwärtig das Stammschiff vertritt. Fotos: rfra, archiv

Seit 24 Jahren mit Bugsier in Rostock: Kapitän Siegfried Kempe über den Werdegang und aktuelle Aufgaben der Schleppschifffahrt

svz.de von
17. Mai 2017, 14:00 Uhr

Mitte Juni wird voraussichtlich die Konverter-Plattform „DolWin gamma“ von Nordic Yards in Warnemünde zum Einsatzort in die Nordsee verholt. Insgesamt sechs Schlepper treten beim Ausdocken in Aktion. Eine besondere Rolle wird „Bugsier 16“ spielen. Das rund 500 Tonnen schwere Kraftpaket wird an den Kranhaken genommen und hinter die 900-MW-Plattform gehievt, um dann von hier – wie ein Schmetterling mit dem Objekt verspannt – den Koloss aus dem Dock zu steuern und zu schieben, während andere Schlepper ziehen. Eine spektakuläre Aufgabe, die beim Ausdocken der Schiffe auf den heimischen Werften schon mehrfach zu sehen war und großer Erfahrung der beteiligten Partner bedarf.

So auch von der Besatzung um Kapitän Siegfried Kempe (62). Der Nautiker und Diplomingenieur ist seit 25 Jahren bei der Reederei Bugsier tätig und vor Ort auch Ansprechpartner für Aufgaben in den heimischen Gewässern. Fast solange ist das Hamburger Unternehmen hier im Einsatz. Im Jahr 1993 begann mit „Bugsier 16“ und „Bugsier 3“ das Rostocker Kapitel, wurde neben Brunsbüttel und Kiel auch Rostock für das traditionsreiche Hamburger Unternehmen eine Schlepper-Station. Insgesamt 28 See- und Hafenschlepper gehören zur Flotte von Bugsier. In Rostock ist seit April 1993 „Bugsier 16“ dienstleistungsbereit.

Gegenwärtig ist der vor 25 Jahren in Lauenburg (Elbe) gebaute Schlepper auf der Norder-Werft in Hamburg zur Verjüngungskur, wo insbesondere die Maschine überholt wird. Ende Mai wird „Bugsier 16“ in Warnemünde zurückerwartet und bis dahin im Revier von der mit Peene-Wasser getauften „Bugsier 17“ mit den hier verbliebenen Rostocker Besatzungen vertreten.

Die eine, das sind Siegfried Kempe mit dem 1. NO Andre Stark und dem Ingenieur Roland Fleischer und die andere Norbert Gottschalch, Martin-Rene Baudisch und Helmut Krolik, die sich alle 14 Tage ablösen. Die Schiffe sind mit Voith-Schneider-Antrieben ausgerüstet, die eine hohe Manövrierfähigkeit ermöglichen, was auch bei zu maritimen Höhepunkten vorgeführten Schlepper-Ballett-Einlagen auf der Warnow schon wiederholt veranschaulicht wurde. Der Schub ist in Größe und Richtung beliebig einzustellen, ohne dass die Drehzahl zu verändern ist, ermöglicht stufenlos das Drehen auf der Stelle.

Mit einem Pfahlzug von 31 Tonnen ausgestattet (so wird bei Schleppern die Zugkraft angegeben) sind auch größere Brocken zu bewegen. Die Ausrüstung ermöglicht See-Verschleppungen.

Der Alltag für den Schleppereinsatz sind vor allem Dienstleistungen für die Häfen – so werden in Rostock gegenwärtig insbesondere große Getreide- und Kohlefrachter, aber auch Tanker und Schiffe mit Projektladungen an den Haken genommen und bei größeren Windstärken auch Fähren und Kreuzliner beim An- und Ablegen unterstützt. Für die Neptun-Werft wird das Ausdocken von Sektionen, Flusskreuzern und Gastankern begleitet, und nach dem letzten Kapitel von Nordic Yards mit dem Verholen der Plattform versprechen auch die MV Werften Arbeit für die Bugsierer und Schlepper.

Der Warnemünder Bugsier-Anleger liegt unmittelbar neben dem des großen Notschleppers „Baltic“. Die Reedereien Bugsier und Fairplay arbeiten in der Arge Küstenschutz zusammen. Während Bugsier den großen Notfallschlepper „Nordic“ für die Nordsee unterhält, hat die „Baltic“ die Ostsee im Blick. Siegfried Kempe gehört zum Boarding-Team, das bei Schiffshavarien gefragt ist. Die Einsatzfähigkeit wurde erst unlängst wieder mit Helikoptern trainiert.

Den gebürtigen Schweriner, der in Bützow aufwuchs, hatte 1971 die Seefahrt nach Rostock geführt. Hier begann er bei der DSR seine Lehre, wurde Vollmatrose und nach dem Studium an der Seefahrtsschule Warnemünde-Wustrow Schiffsoffizier. Sein erstes Schiff war die „Georg Büchner“, das erste große Schiff in der Ostafrika-Indienfahrt dann die „Wilhelm Florin“ vom Typ X, Ro/Ro-Frachter, Tanker, Schwergutschiffe, Küsten- und Frachtmotorschiffe folgten.

Bevor der große Aderlass bei der DSR begann, machte er hier selbst die Leinen los und kam nach einem Zwischenspiel auf einem ausgeflaggten Schiff einer Emder Reederei zu Bugsier, wo er sich zum profunden Fachmann der Schleppschifffahrt entwickelte.

Sein Wissen gibt er auch als Instruktor und Lektor an der Seefahrtsschule weiter. Beim Nautischen Verein referierte er vorige Woche über den Werdegang der Schleppschifffahrt im Wandel der Zeit. Von den Wolga-Treidlern über die ersten Dampf- und Schraubenschlepper bis hin zu den modernen Antrieben war der Bogen des interessanten Vortrags gespannt. Anhand von spektakulären Havarien wertete er hier auch die Grenzen der verschiedenen Techniken, lotete Unfallursachen aus, wo Schlepper durch den Sog in die Bugwelle des Schleppzugs gerieten und kenterten.

Die Zukunft der Schleppschifffahrt sieht er aus Umweltschutzgründen im Flüssiggas (LNG). Er zeigt Projektbilder von Entwicklungen aus Holland, die Stickstoffemissionen nahezu eliminieren und den CO2-Ausstoß deutlich reduzieren.

Für die Konzipierung von Neubauten mit herkömmlichen Technologien scheint angesichts der durchschnittlichen Einsatzdauer eines Schleppers (etwa 30 bis 40 Jahre) die Zeit abgelaufen.


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