Interview : Heinrich Böll: Sein Sohn erzählt

Zu Besuch bei Susan Schulz in der Böll-Stiftung: René Böll
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Zu Besuch bei Susan Schulz in der Böll-Stiftung: René Böll

Rostocker Stiftung für MV richtet Veranstaltungen zum 100. Jubiläumsjahr aus. Interview mit Maler und Nachlassverwalter René Böll #wirkoennenrichtig

svz.de von
11. April 2017, 12:00 Uhr

Der wohl bedeutendste Schriftsteller der Nachkriegszeit, Heinrich Böll, wäre am 21. Dezember 100 Jahre alt geworden. Dieses Jubiläumsjahr nimmt die in Rostock ansässige Heinrich-Böll-Stiftung MV zum Anlass einer Veranstaltungsreihe. Zum Auftakt, einer Filmvorführung, war auch Bölls mittlerer Sohn, der Maler René Böll zu Gast. Redakteurin Nicole Pätzold sprach mit dem 68-Jährigen über seinen Vater.

Was bedeutet Ihnen das Jubiläumsjahr?
Böll: Ich merke immer mehr, wie früh mein Vater gestorben ist – schon mit 67. Nicht so alt, wie ich jetzt schon bin. Das ist ein merkwürdiges Gefühl. Ich glaube, dass er für Jugendliche heute eine historische Persönlichkeit ist, zu der sie relativ wenig Beziehung haben. Obwohl ich denke, dass er ihnen viel zu sagen hätte – gerade in Bezug auf Freiheit, auf Unabhängigkeit.

Hoffen Sie denn, dass das Jahr das auch transportieren wird – wenn die Veranstaltungen sich häufen?
Ja. Es hat sich auch schon als sehr positiv rausgestellt: Es wird mehr gelesen. Wir bringen auch dieses Jahr eine neue Publikation heraus, ein Tagebuch aus der Kriegszeit von ’43 bis ’45, sehr interessant. Er hat viele Briefe geschrieben in der Kriegszeit, die teilweise publiziert sind, aber dieses Tagebuch ist ganz neu.

Was hätte Ihr Vater zur heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation gesagt?
Das frage ich mich eigentlich nie. Er hat uns beigebracht, selbstständig, unabhängig zu denken und nicht auf andere zu hören. Und das tue ich auch. Aber natürlich wäre ihm vieles fremd, gerade die AfD und diese ganze Neonazi-Bewegung, das ist klar.

Weil Sie es vorhin auch angedeutet haben, dass er der heutigen Generation viel zu geben hätte...
Ja, sich wirklich unabhängig machen, frei von vorgefassten Meinungen. So ein Mann wie Trump wäre ihm ein Horror gewesen.

Sein Werk ist dahingehend ja auch heute aktuell...
Es ist Weltliteratur. Es bleibt aktuell. Es hat eigentlich mit Politik wenig zu tun. Er wird immer sehr als Politiker gesehen, gerade in der Stiftung. Das finde ich falsch. Er wird auch ein bisschen benutzt, finde ich, plakativ benutzt.

Welchen Anspruch haben Sie, seinen Nachlass zu verwalten, worauf achten Sie?
Das sind sehr schwierige Sachen. Wir gucken, dass das Privatleben gewahrt bleibt. Mein Vater hat auch selber einen Text dazu geschrieben – zu Uwe Johnson. Der ist ’84 gestorben, ein halbes Jahr vor meinem Vater etwa. Er sagte, man soll doch den Toten ihre Geheimnisse lassen, die sie mit ins Grab nehmen. Das finde ich einen wichtigen Punkt. Dieses ganze Intimitätenrausgraben heute, das ist mir völlig fremd. Das halte ich für irrelevant und weit überschätzt.

Was wünschen Sie sich, wie Ihr Vater heute wahrgenommen wird?
Als Künstler. Natürlich auch als jemand, der sich eingemischt hat, der viel riskiert hat – politisch und persönlich. Er hat einmal zusammen mit meiner Mutter eine Frau aus der Tschechoslowakei geschmuggelt. Wir haben sehr viele Manuskripte aus der DDR oder aus Russland oder Geld hin- und hergebracht oder Briefe. Das war für ihn und uns selbstverständlich.

Also war er nicht direkt ein politischer Mensch, aber einer, der zu seinen Überzeugungen steht...
Doch schon ein politischer Mensch, aber einer, der das praktisch angewandt hat.

Sie haben gesagt, vom Privaten wollen Sie nicht so viel offen legen. Aber gibt es eine prägende Erinnerung, die Sie verraten?
Prägende Erinnerungen gibt es viele. Die vielen Reisen, die wir gemacht haben. Es war sehr ungewöhnlich in den 60er-Jahren nach Russland zu fahren – für Jugendliche im Westen. Oder in die DDR sind wir auch öfter gefahren. Immer mit extremen Kontrollen – aber auf beiden Seiten. Die Leipziger Messe war immer eine gute Gelegenheit. Man kaufte sich einen Messeausweis und konnte ohne Visum fahren – man durfte aber die Straße nach Leipzig nicht verlassen. Das war sehr skurril.

Und Sie sind dann in der ganzen Familie gefahren?
Nein, meistens ist er mit einem Sohn gefahren – mit mir oder einem Bruder von mir.

Welche Auswirkungen hat Ihr Vater auf Ihr Leben, Ihre Art, zu arbeiten?
Auf meine künstlerische Arbeit sehr wenig. Da bin ich ganz anders und ganz eigen.

Und auf die Art, mit Kunst umzugehen?
Handwerk ist mir sehr wichtig, das war meinem Vater auch sehr wichtig.

Wie hat er den Weg, den Sie eingeschlagen haben, eingeschätzt?
Den fand er sehr kritisch. Weil er wusste, dass es für einen Künstler schwer ist, davon zu leben...

Er hat es also als Vater eingeschätzt, nicht als Kollege.
Ja, aber er hat es verstanden, toleriert und unterstützt.
 

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