Rostock : Handwerk kämpft um Nachwuchs

Handwerk trifft Hightech: Der neue Präsident der Handwerkskammer, Axel Hochschild (v. r.), schaut sich im Orthopädietechnikunternehmen von Gunar Liebau an, wie Doktorand Peer Schweder mithilfe eines computergestützten Gleichgewichtstests auch die Funktion von Stefan Krohns Unterschenkelprothese testet. Auf dem Gerät, das die Rostocker Firma seit Januar nutzt, trainierte auch bereits die Deutsche Karate-Nationalmannschaft.
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Handwerk trifft Hightech: Der neue Präsident der Handwerkskammer, Axel Hochschild (v. r.), schaut sich im Orthopädietechnikunternehmen von Gunar Liebau an, wie Doktorand Peer Schweder mithilfe eines computergestützten Gleichgewichtstests auch die Funktion von Stefan Krohns Unterschenkelprothese testet. Auf dem Gerät, das die Rostocker Firma seit Januar nutzt, trainierte auch bereits die Deutsche Karate-Nationalmannschaft.

Kammer-Präsident fordert Unterstützung vom Land. Azubis haben gute Übernahme- und Karrierechancen. Digitalisierung hält Einzug #wirkoennenrichtig

svz.de von
07. Mai 2017, 16:00 Uhr

Das Handwerk hat wieder goldenen Boden: Die Auftragsbücher sind voll – und reichen für gut neun Wochen voraus. Die Stimmung in den Betrieben ist deshalb gut. „Zirka 90 Prozent der befragten Handwerksbetriebe bewerten ihre Geschäftslage als gut bis befriedigend“, sagte gestern Axel Hochschild bei der Präsentation der Frühjahrs-Konjunkturumfrage. Laut des neuen Präsidenten der Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern, die rund 12 500 Mitgliedsbetriebe hat, sei die Investitionsbereitschaft in den Firmen deshalb auch im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen.

Sorgen bereitet den Firmen aber der mangelnde Nachwuchs. „Wir müssen mittlerweile um jeden Auszubildenen richtiggehend werben“, erklärt Kammergeschäftsführer Jens-Uwe Hopf. Unter anderem mithilfe von Imagekampagnen konnte 2016 bereits ein Lehrlingszuwachs von vier Prozent erzielt werden. Für den diesjährigen Ausbildungsbeginn im September seien aktuell im Kammerbezirk aber immer noch etwa 500 Plätze frei – etwa im Ausbau-Handwerk wie Sanitär-, Heizungs- und Klimafirmen, bei den Metallbetrieben, in der Kfz-Branche, beim Friseur oder im Nahrungsmittelbereich.

Um für den Nachwuchs attraktiv zu bleiben, fordert die Handwerkskammer auch Unterstützung vom Land. So müssten in Zeiten der Standortschließung und Verdichtung von Berufsschulen der Zuschuss für Fahrt- und Unterbringungskosten der Auszubildenden deutlich steigen und deren Vergabekriterien gelockert werden. Aktuell würden nur Azubis unterstützt, deren Gehalt unter 500 Euro liegt. „Die langen Wegstrecken betreffen jedoch viel mehr Jugendliche. Manche Lehrlinge müssen zur Berufsschule nach Berlin oder Leipzig“, so Hochschild. Ganze Ausbildungszweige seien durch die zurückzulegenden Wege zwischen Betrieb und Berufsschule bereits in MV verloren gegangen – Fotografen, Buchbinder oder Goldschmiede.

Wichtig sei es auch, die so genannte Eingangsklassenstärke, also die für eine Berufsschulklasse nötigen Azubis, von 20 auf 18 zu reduzieren. „Das ist ein Standortnachteil, in Nachbarländern wie Brandenburg ist die Grenze bereits niedriger“, so Jens-Uwe Hopf. Generell hätten sich die Lehrlingszahlen im Kammerbereich von 6970 im Jahr 2007 auf heute 3123 reduziert.

Die Azubis, die sich für das Handwerk entscheiden, hätten dann aber nicht nur gute Übernahme-, sondern auch Karrierechancen. „2000 Betriebe im Kammerbezirk stehen zur Übernahme an, das heißt, deren Chefs sind älter als 60“, sagt Hopf. Beim geregelten Übernahmeprozess, der zwei bis drei Jahre dauert, würde die Kammer ihre Mitglieder auf Wunsch auch eng begleiten. „Studien besagen, dass es dreimal aufwendiger ist, einen Betrieb neu zu gründen als einen zu übernehmen“, sagt Hopf. Deshalb helfe die Kammer auch bei Gesprächen mit Banken, wenn Nachfolgern das Eigenkapital fehlt. Nur in etwa 40 Prozent der Fälle würden Familienmitglieder nachrücken. Vermehrt wären es Mitarbeiter oder externe Nachfolger. Der Generationswechsel führe auch dazu, dass die Digitalisierung in den Handwerksbetrieben immer weiter Einzug halte. „Für unsere Branche ist das aber keine Drohkulisse – wie für die Industrie“, sagt Hopf. Das Handwerk ist und bleibe analog.

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