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#wirkoennenrichtig heimat : Gefallene hinterließen tiefe Narben

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Geschichte in Zahlen: Im Ersten Weltkrieg durften Rostocker kaum trauern.

Folge 605:

605 verheiratete Rostocker Männer ließen als Soldaten oder Offiziere im Ersten Weltkrieg ihr Leben. Unverheiratet waren 1153. Der überwiegende Teil der eingezogenen Rostocker kämpfte an der Westfront.

Auch in Rostock hat der Erste Weltkrieg 1914 bis 1918 tiefe Narben bei den Menschen hinterlassen. Kaum jemand blieb verschont, kaum jemand, der nicht eine traurige Geschichte über Tod und Verlust, über Hunger und Elend, über die Generationen hinweg erzählt bekam. Vom Schicksal der eingezogenen Soldaten erfuhren die Rostocker aus den veröffentlichten Verlustlisten. Die preußische Verlustliste Nr. 7 vom 22. August 1914 war erstmals mit mecklenburgischen Soldaten vom Grenadierregiment Nr. 89 (Schwerin) und vom Füsilierregiment Nr. 90 (Rostock), 3. Bataillon, 9. bis 12. Kompanie, gefüllt. In den Verlustlisten Nr. 9, 10 und 12 vom 25. beziehungsweise 26. und 28. August folgten weitere verletzte, gefallene oder vermisste heimische Füsiliere. Ein dickes Buch der Leiden wurde geschrieben und kein Ende war abzusehen. Verwundet, vermisst oder gefallen, jeden Tag erschienen neue Namen und Schicksale, nur sollte es kein bekannter Rostocker sein.

Der Tod an der Front ließ in der Heimat trauernde Witwen mit oder ohne Kinder und meist äußerst bedürftige Sozialfälle zurück. Die Familien wurden plötzlich für immer auseinandergerissen und auf den Schultern der Witwen lag die große Sorge um das eigene Schicksal und das der Kinder. Sie hatten eine schwere Last zu tragen. Das Los der Soldatenwitwe hieß, eine tapfere Kriegerfrau zu sein. Die Kriegsgesellschaft erwartete, dass sich die leidtragende Kriegerfrau in der öffentlichen Trauer zurückhielt. Schwarze Trauerkleidung war der heroischen Zeit nicht angemessen, so die Meinung der greisen Pädagogen und Theologen.

Die Todesannoncen in der Zeitung glichen zumindest in den ersten beiden Kriegsjahren eine der anderen: „Mein geliebter Mann starb den Heldentod für Kaiser und Vaterland. Rostock, den...“ Klage, Erbitterung oder gar Zorn über den grausamen Krieg fehlten. Für die oft unpersönlichen und recht förmlichen letzten Abschiedsgrüße waren nicht die Frauen selbst, sondern das Kriegspresseamt in Berlin verantwortlich, das den Zeitungen den Grundtenor der Todesannoncen vorschrieb. Natürlich musste auch die Zugehörigkeit des Gefallenen zur militärischen Einheit geheim gehalten werden, damit der Kriegsfeind keine militärischen Schlussfolgerungen ziehen konnte.

Dabei blieb die Annonce meist die einzige öffentliche Verabschiedung für die trauernde Familie. Denn nur in wenigen Fällen war es den Angehörigen möglich, den Toten von der Kriegsfront heimzuholen und in Rostock zu beerdigen.


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