#wirkoennenrichtig lokal : Frauen studieren Pessach-Tänze ein

Die nächsten Schritte führt Sabine Ellmer (Mitte) den Teilnehmerinnen vor.
Die nächsten Schritte führt Sabine Ellmer (Mitte) den Teilnehmerinnen vor.

Kursteilnehmerinnen lernen in der jüdischen Gemeinde komplizierte Schrittfolgen

svz.de von
12. April 2017, 16:00 Uhr

Fast 30 Frauen, die älteste 88 Jahre alt, treffen sich Woche für Woche am Montag um 16 Uhr im Saal der jüdischen Gemeinde in der Augustenstraße, um unter Leitung von Sabine Ellmer 90 Minuten lang vor allem israelische Tänze zu erlernen. Anfangs waren es nur die Frauen der jüdischen Gemeinde, die aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion gekommen waren, um hier eine neue Heimat zu finden, in der sie ihre jüdischen Traditionen und Lebensformen pflegen dürfen. Dazu gehören neben der charakteristischen Klezmer-Musik, Lieder und Tänze, aber auch die moderne israelische Kultur, die ein Spiegelbild der internationalen Bevölkerung des relativ jungen Staates ist.

Bald aber kamen auch Rostocker Frauen zum Tanzen in das Haus, denn eine bestimmte religiöse Bindung ist keine Voraussetzung. Es ist die Freude an der Bewegung zur Musik, die sie verbindet. Schon seit ewigen Zeiten ist der Tanz bei allen Nationen und in allen Generationen Ausdruck von Gefühlen – von Freude und Glück, von Trauer und Schmerz. Das konnte ich nachempfinden, als die Frauen sich zum Kreis formierten und sich nach einem brasilianischen Lied, einem jiddischen Tango und zuletzt nach Klezmer-Klängen bewegten. Rhythmische Melodien, verwirrende Schrittfolgen, wiegende Bewegungen, klatschende Hände – die Freude, aber auch die Konzentration war allen Frauen anzusehen.

Sabine Ellmer hatte bei der Planung des ersten April-Montags an das bevorstehende Pessach-Fest gedacht. Es ist eines der wichtigsten Feste der Juden, das mit dem ersten Frühjahrsvollmond beginnt und eine Woche andauert. Vor allem an die Leidensgeschichte des jüdischen Volkes soll in dieser Zeit erinnert werden. Die Tanzlehrerin verteilte Fotokopien aus der Chagall-Bibel und erzählte die Geschichte aus dem 2. Buch Moses, wie er das Volk der Hebräer aus der ägyptischen Sklaverei ins gelobte Land Kanaan führte – ein langer und beschwerlicher Weg. Der jüdische Brauch, in dieser Woche Mazzot zu essen, ungesäuerte Brote, soll Symbol für den entbehrungsreichen Exodus sein.

Die Frauen lernten zwei neue Tänze, die den Aufbruch aus Ägypten und den Zug durch die Wüste darstellen sollten. Ob das jiddisch gesungene Gospel-Lied oder die schwermütige Melodie, die zu dem langen Marsch passte, die Choreografie war stimmig und es war schön zu sehen, wie Eifer und Ernsthaftigkeit aus den Gesichtern wichen und die Tanzfreude Oberhand bekam, wenn Schrittfolge und Gesten verinnerlicht waren. Dies erlebte ich besonders beim Lieblingstanz der Frauen, dem Le Kadesh, einem israelischen Lied, dessen Text in hebräischer Sprache gesungen wird. Schneller Rhythmus, klatschen, drehen, fliegende Füße – unglaublich, sich das alles zu merken. Aber Sabine Ellmer ist ein Profi, eine Tanzpädagogin, geschult durch unzählige Workshops im In- und Ausland und ständige Fortbildungen. So erzählt sie zu jedem Tanz eine Geschichte, um das Gefühl dafür zu vermitteln. Und es gelingt ihr.


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