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Rostock : Forschungen für eine klare Ostsee

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Biologen aus Rostock und St. Petersburg wollen gemeinsam die Wasserqualität dauerhaft verbessern #wirkoennenrichtig

In 20 Jahren können Urlauber und Einheimische in den Boddengewässern an der Ostseeküste selbst im Sommer auf klares Wasser hoffen. Davon ist Professor Hendrik Schubert überzeugt. Er leitet den Lehrstuhl Ökologie am Institut für Biologie der Universität Rostock. „Keiner ist glücklich, wenn Algenblüten die gerade für Kinder so geeigneten Badestellen mit flachem, warmem Wasser in eine trübe Brühe verwandeln.“

Dieses Ziel – bessere Wasserqualität in den Bodden und Haffen – hat der Rostocker Forscher fest im Visier und setzt dabei auch auf die seit 20 Jahren vertrauensvolle mit russischen Kollegen des Zoologischen Institutes und des Institutes für Zytologie – beides Institute der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg. Dr. habil. Irena V. Telesh aus St. Petersburg, international eine der führenden Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der Brackwasserökologie, war gerade wieder Gast am Institut für Biologie der Uni Rostock. Gemeinsam erkunden die Wissenschaftler bei gegenseitigen Forschungsaufenthalten die Biodiversität der Ostsee; Ziel der Untersuchungen ist es zu verstehen, wie sich Salzgehaltsschwankungen auf die Wasserqualität auswirken.

Während es anfangs in der Zusammenarbeit lediglich um die spezielle Gruppe der Protisten, also Urwesen wie Algen, Pilze und Protozoen ging, hat sich das gemeinsame Forschen mittlerweile bis hin zur Entwicklung von Konzepten für die Brackwasser-Ökologie entwickelt. „Wir beginnen jetzt zu verstehen, wie Ökosysteme unter den Bedingungen ständig wechselnder Salzgehalte, wie sie im Durchmischungsbereich von Meer- und Flusswasser auftreten, funktionieren“, sagt Prof. Schubert. Solche Brackwasser-Ökosysteme, zu denen die Ostsee gezählt werden kann, weisen eine ganze Reihe von Besonderheiten auf.

„Wir konnten nachweisen, dass das Brackwasser mit seinem variablem Salzgehalt nicht für alle Organismen eine bloße Herausforderung darstellt; für sich schnell entwickelnde Kleinstlebewesen kann es eine Chance sein, zumindest temporär Habitate zu erobern, die ihnen sonst verschlossen bleiben“, hebt Prof. Schubert hervor. Für große, sich langsam entwickelnde Organismen dagegen ist Brackwasser offenbar nicht leicht zu meistern. Diese Diskrepanz beeinflusst die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Ebenen der Nahrungskette stark. Vor allem dem Zooplankton – Verbindungsglied zwischen den Algen als Produzenten und den höheren Konsumentenebenen wie Fischen und Muscheln, – gilt momentan das Augenmerk der Forscher. „Wenn wir genau verstehen, wie die Wechselwirkungen im Ökosystem der Ostsee stattfinden, dann haben wir die Möglichkeit, mit Biomanipulation den Zustand des Wassers gezielt positiv zu beeinflussen.“

Die Erkenntnisse der deutsch-russischen Ostsee-Forschung genießen in der Wissenschaftsgemeinschaft weltweit Anerkennung und werden nicht nur als Grundlage weiterer Forschung verwendet, sondern haben bereits den Weg in die Lehrbücher gefunden.

Vor sieben Jahren wurde das deutsch-russische Ulrich-Schiewer Laboratory for Experimental Aquatic Ecology (USELab) gegründet. Diese Langzeitkooperation erlaubte zum Beispiel das Entdecken einer unerwartet hohen Anzahl von Planktonarten (etwa 4000) in der Ostsee. „Zunächst hatte man angenommen, dass es sich bei der Ostsee auch im Plankton um ein artenarmes Meer handele“, sagt Irena Telesh – „Unsere substanziell neuen Erkenntnisse haben das Verständnis zur Rolle von Mikroorganismen in küstennahen Ökosystemen deutlich verbessert.“ Mittlerweile sind der Zusammenarbeit mehr als 20 wissenschaftliche Publikationen sowie zahlreiche Buchbeiträge und sonstige Veröffentlichungen entsprungen.

Wolfgang Thiel

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