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Rostock : Experte fürs steinerne Bilderbuch

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Geschiebekundler Klaus Büge sammelt von Kindesbeinen an Fossilien. Sein Wissen gibt der 75-Jährige auch gern weiter. #wirkoennenrichtig

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erstellt am 04.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Wenn Klaus Büge einen Strandausflug plant, dann braucht er weder Badehose noch Handtuch. In seinem grauen Rucksack befindet sich lediglich ein Hammer. Denn es ist nicht das Meer, was den Schmarler interessiert, sondern das, was die Ostseewellen zutage fördern – „ein steinernes Bilderbuch der Erdgeschichte“.

Seit er in Kindertagen bei einer Kur in Wieck an der Ostsee den ersten versteinerten Seeigel fand, ist Büge fasziniert von Fossilien. Sein jahrzehntelang erworbenes Wissen gibt der 75-Jährige auch weiter – als Vorsitzender der Rostocker Gruppe der Gesellschaft für Geschiebekunde oder bei Führungen, die er für die Kreisvolkshochschule und für Reisegruppen an der Warnemünder Jugendherberge anbietet.
„Die gesamte Vorzeit findet sich im Stein, das kann man gar nicht anders erforschen“, erklärt der rüstige Senior mit leuchtenden Augen. Für ihn gibt es kaum einen Stein, zu dem er nicht eine Geschichte erzählen oder eine beeindruckende Jahreszahl nennen könnte. Ob am Strand, auf Wegen, sogar in Kieshaufen bei Baustellen – mit Kennerblick scannt Büge alles, was ihm vor die Füße kommt. Gerade an der Ostsee, dem jüngsten Meer, sei viel zu finden, die Küste voller geologischer Besonderheiten. „Die Gegend ist eiszeitgeprägt, kein Stein ist hier entstanden.“ Durchschnittlich 30 Zentimeter Küstenrückgang seien jährlich zu verzeichnen. Das sorgt für steinernen Nachschub.

Büges heimische vier Wände sind voller beeindruckender Funde, die der Sammler teilweise mit Stichel und einem Hämmerchen mit ruhiger Hand freigelegt und anschließend katalogisiert hat. Neben dem Seeigel von damals, mit dem alles begann, hat der gebürtige Breslauer auch 550 Millionen Jahre alte Fossilien sowie teilweise Milliarden Jahre alte Granitsteine zu Hause. Mit Begeisterung zeigt er einen Stein mit Wurmspuren. „Das sind Lebensspuren von vor 550 Millionen Jahren. “ Natürlich gehören auch Bernsteine zu seinen Schätzen. Für Schmunzler sorgt Büge immer, wenn er erklärt, dass er steinreich sei. Der Sammler bezieht das natürlich auf seine zahlreichen Geschiebe-Funde. „Aber auch auf unserem Gebiet hält das Geld immer mehr Einzug – zu meinem Bedauern.“ So käme es vor, dass Saurierfunde eher verkauft würden, als sie einem Museum zur Verfügung zu stellen. Traumfund des passionierten Sammlers wäre das Xenusion: Was Briefmarkensammlern die Blaue Mauritius, sei für Geschiebekundler dieses 550 Millionen Jahre alte Fossil, das an eine Raupe erinnere.

Jeden ersten Freitag im Monat trifft sich Büge im Hörsaal der Rostocker Zoologie am Uniplatz mit Gleichgesinnten. Zum Programm der Geschiebekunde-Gruppe gehören auch gemeinsame Ausflüge, zuletzt nach Holzmaden bei Stuttgart, sowie Ausstellungen. Gern würde er den Vorsitz der Runde abgeben, hat aber noch keinen Nachfolger gefunden. Auch Nachwuchs-Mitglieder werden gesucht.

Umso mehr freut sich Büge, wenn er bei seinen Strandgängen mit Jugendlichen deren Begeisterung für Geschiebe wecken kann. Manchmal hilft er auch ein bisschen nach, indem er zum Beispiel einem Jungen, der unbedingt einen Hühnergott finden will, das Exemplar zeigt, dass Büges geschultes Auge schon viel früher im Sand erspäht hat. „Wichtig ist nur, dass derjenige, der zuerst hindurch schaut, einen Wunsch frei hat“, erklärt der studierte Maschinenbauer.

Wer will, kann mit seinen eigenen Funden auch den Rat des Experten suchen. „Allerdings macht das nicht immer Freude“, sagt Büge schmunzelnd. Einmal hätte ihm ein Mann am Strand eine ganze Hand voller gerade gefundenem Bernstein gezeigt. „Das habe ich ihm dann alles wegsortiert, denn es waren stattdessen Glasschiff, Quarz und Donnerkeilreste“, erzählt Büge. Echten Bernstein, der an der heimischen Ostseeküste selten, aber durchaus auch zu finden ist, könnten auch Laien durch einen einfachen Test von Fälschungen unterscheiden – denn er schwimmt in Salzwasser.

Während er bei den Gruppenführungen immer nur ein paar Hundert Meter Strandgang schafft, weil die Teilnehmer schnell die Sammelwut packt, schrubbt Büge Kilometer, wenn er allein auf Suche geht. „Ich fahre dann immer nach Nienhagen und laufe zurück nach Warnemünde.“ Rückenschmerzen vom vielen Bücken hätte er aber noch nicht. Ganz im Gegenteil. „Mein Arzt sagt, es ist das Beste, was ich tun kann: Immer an der frischen Luft und ich mache andauernd Kniebeugen.“

Anmeldung für Wanderungen mit Klaus Büge über die Rostocker Volkshochschule, Telefon 0381/ 381 43 00

Tipps für Sammler

• Die beste Zeit für gute Funde ist nach Stürmen. „Aber auch nicht direkt danach, das Geschiebe muss erst ein bisschen vom Wasser sortiert werden.“

• Sehr gute Fundorte sind in der Nähe von Steilküsten. Dort aber mit Vorsicht agieren, nicht am Kliff mit dem Hammer hantieren, sondern die Steine auflesen.

• Am besten suchen Sie nach Kalksteinen. „Ich bevorzuge Beyrichinkalk.“ Das Aufschlagen mit dem Hammer sollte auf dem Rand des Steines passieren, nicht in der Mitte, sonst werden die Funde zerstört.

• Bei Bernstein gilt: Je weiter östlich an der Küste man sucht, desto besser. Denn der Bernstein stammt aus Königsberg, wird dort abgebaut. Um zu testen, ob es sich um echten Bernstein handelt und nicht vielleicht Phosphor oder abgeschliffenes Glas, können Sie ein Glas mit Wasser und zwei Löffeln Salz füllen. Echter Bernstein schwimmt und kann danach selbst mit Sandpapier geschliffen und mit Zahnpasta poliert werden.

• Niemals Feuersteine mit dem Hammer bearbeiten, denn sie sind scharf wie Glas.


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