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Nach Überfall in Rostock : Eine Taxifahrerin wehrt sich

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Betrunkener Fahrgast greift 58-Jährige an und wirft sie zu Boden. Staatsanwaltschaft legt Verfahren nieder. #wirkoennenrichtig

svz.de von
erstellt am 11.Jan.2017 | 12:00 Uhr

Odetta Jurkschat ist seit anderthalb Jahren mit dem Taxi in Rostock unterwegs. 98 Prozent der Fahrgäste seien nette Menschen. Einen der übrigen zwei Prozent lernte sie kennen und wurde verletzt. „Am 2. Oktober, in der Nacht auf Sonntag, stand ich nachts um halb eins am Stadthafen und habe auf eine verabredete Fahrt gewartet“, sagt die gebürtige Doberanerin. Zwei Männer sprachen sie an, einer wirkte nüchtern, der andere betrunken. Die kurze Tour passte noch. „Doch nur der Betrunkene stieg ein“, sagt die 58-Jährige. „Dann sagte ich einen Standardsatz ,Bitte schnallen Sie sich an’.“ Als Thomas H. das nicht hinbekam, bot sie Hilfe an und erntete: „Halt die Schnauze und fahr los.“ Das ließ sie sich nicht bieten: „Die Fahrt ist zu Ende, bitte steigen Sie aus.“ Doch das tat Thomas H. nicht. „Er hat versucht, mich zu schlagen“, sagt die vierfache Mutter und er habe ihre Sachen durch das Taxi geworfen. Sie stieg aus, öffnete die Beifahrertür. Da habe er sie gepackt, ihre Bluse riss, sie landeten auf dem Boden, er auf ihr, auf ihrer Hand, mit dem ganzen Körper. „Er ist bestimmt noch mal zehn Zentimeter größer und zwanzig Kilo schwerer als ich. Meine einzige Waffe: Schreien“. Das hatte Erfolg.

Zwei junge Männer kamen zur Hilfe. Während einer den Mann von ihr zog, rief der andere die Polizei. Thomas H. torkelte los, die beiden hinterher. Die Freundin des einen blieb bei der Taxifahrerin, hielt per Handy Kontakt, bis die Polizei den Pöbelgast stoppte. Auf dem Weg soll er die Brille des einen und das Telefon des anderen Mannes zu Boden geschlagen haben. Die beiden und Jurkschat machten noch nachts Aussagen und erstatteten drei Anzeigen. Den nächsten Tag ging sie zum Notarzt, der nichts feststellte. Mit Schmerzen suchte sie einen Chirurgen auf, auch er fand nichts. Die Schmerzen blieben, ihr Hausarzt riet ihr, eine zweite Meinung einzuholen.

Zwischenzeitig, am 7. November, kam Post von der Staatsanwaltschaft. Das Ermittlungsverfahren gegen Thomas H. wurde eingestellt. Öffentliche Klage, heißt es darin, würde nur erhoben, wenn der „Rechtsfrieden über den Lebenskreis des Verletzten hinaus gestört und die Strafverfolgung ein gegenwärtiges Anliegen der Allgemeinheit ist“. Der zuständige Staatsanwalt wies darauf hin, dass sie Privatklage einlegen kann. Ernüchterung bei Odetta Jurkschat. Sie wolle ja nicht, dass Thomas H. ins Gefängnis geht, und es ginge ihr auch nicht ums Geld. „Ich würde mir wünschen, dass für sowas Sozialstunden auferlegt werden“ – dass ihm eindeutig klar werde, dass er eine Grenze überschritten hat und das nicht wieder tut. „Es geht ja nicht nur um mich und meine Kollegen – Taxifahrer, Polizei, Krankenwagen-, Busfahrer – wir sind alle für die Öffentlichkeit da“. Ein Angriff auf sie verlange auch öffentliches Interesse. Kürzlich, nach der Auswertung des MRT kam raus: Odetta Jurkschat hat einen Kreuzbandriss in der Hand. „Ich werde um eine OP nicht herumkommen.“

Die Entscheidung seines Kollegen sei das, was das Gesetz vorsieht, „wenn keine schweren Folgen davon getragen werden“, sagt Staatsanwalt Harald Nowack. Wäre vor einem Monat schon der Befund bekannt gewesen, hätte das das Verfahren vielleicht anders aussehen lassen.

Odetta Jurkschat erwägt, zu klagen. „Anders als im Zivilverfahren müsste sie die Klage nur einreichen“, sagt Nowack, „es entstehen keine Kosten“. Es einfach auf sich beruhen lassen, will sie, trotz eines Entschuldigungsbriefes von Thomas H., der vor allem mit Erinnerungslücken argumentiert, nicht. „Ich finde, man muss sich wehren“, sagt sie. Die gelernte Feinmechanikerin liebt ihren Job, sagt sie, das wolle sie sich von niemandem verleiden lassen.

Kommentar von Nicole Pätzold: Jeder Spaß hat seine Grenzen
Wer sich betrinkt, gibt damit nicht die Verantwortung für sich ab und bekommt einen Freibrief zum Rumpöbeln, das sich dann mit einer „nüchternen“ Entschuldigung  ausgleichen lässt. Die Staatsanwaltschaft hat den aggressiven  Fahrgast nicht frei gesprochen, sondern hält lediglich ihre gesetzlichen Vorgaben ein. Wenn die Taxifahrerin privat klagt, bekommt ihr Gast sicher (s)eine Strafe. Doch eigentlich  hat sie recht. Warum nicht pauschal Sozialstunden für so unsoziales Verhalten?
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