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Serie: Jung in MV : Der junge Mann und die Software

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Thomas Niestaedt leitet eine Firma mit 20 Mitarbeitern – eine Aufgabe, die ihn zunächst abgeschreckt hatte. #wirkoennenrichtig

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2017 | 16:00 Uhr

Ende der 1980er-Jahre war der Norden der DDR das Gebiet mit der jüngsten Bevölkerung. Seit der Wende aber hat sich diese Statistik komplett umgekehrt. In MV leben nun die nahezu ältesten Menschen Deutschlands. In unserer Serie wollen wir zeigen, dass es junge Menschen gibt, die sich bewusst für den Nordosten entscheiden. Die hier Chancen sehen, die andere nicht gesehen haben.

28 Jahre alt, noch kein Studienabschluss, aber schon Chef – so wars bei Thomas Niestaedt. Seit anderthalb Jahren ist er Geschäftsführer eines IT-Unternehmens in Rostock. Kurz vor seinem Master-Abschluss in Informatik übernahm er die Leitung der softEnergy GmbH, einer Firma für Betriebsführungs-Software für Windkraftanlagen.

Angefangen hat die Erfolgsgeschichte des Jungen aus Friedland bei Neubrandenburg, als er mit sechs Jahren seinen ersten Computer bekam und sofort fasziniert war. „Der hatte noch Disketten, man konnte Einfluss nehmen auf Programmabläufe, also darauf, wie sich die Maschine verhält – anders als bei einer Spielekonsole“, erzählt Niestaedt. Später wurden die Rechner leistungsfähiger und die Programme anspruchsvoller. Er lernte vieles aus dem Internet oder aus Handbüchern, programmierte Spiele und Websites. Nach der Realschule wollte er eine Ausbildung zum Fachinformatiker beginnen, wurde aber abgelehnt. „Ich hatte zugegeben, dass ich nicht etwa Telefone verkaufen oder im Straßenbau arbeiten wollte“, erinnert er sich. Also doch Abitur: Niestaedt wechselte zum damals modernsten Gymnasium Deutschlands, das – neben Kunst – auf Informatik spezialisiert war. Kurz darauf entschied er sich, in Rostock zu studieren. „Zusammen mit einem Kumpel bin ich hingefahren, wir haben uns eingeschrieben, eine Wohnung gefunden, sind umgezogen und haben losstudiert – alles innerhalb von zwei Wochen“, lacht er heute. Er studierte quasi nebenbei, jobbte ab dem 3. Semester bei softEnergy. „Ich war immer seltener an der Uni. Ab dem dritten Jahr habe ich das meiste zu Hause erledigt. Warum soll ich nicht etwas in 30 Minuten lesen statt es mir anderthalb Stunden anzuhören? Aber das funktioniert nur, wenn man sich wirklich dafür interessiert und es auch versteht. Wenn ich Hilfe brauchte, habe ich jemanden gefragt.“ Am Ende stand 2015 der Master-Abschluss.

Schon kurz vorher war Niestaedt Geschäftsführer von softEnergy geworden. Das Unternehmen war 2004 gegründet worden, hat Kunden in ganz Europa und in Nordamerika. Interne Schwierigkeiten führten dazu, dass plötzlich ein neuer Chef gebraucht wurde – Niestaedt war da, kannte sich aus. Zunächst arbeitete er gemeinsam mit einer erfahrenen Kollegin, seit einiger Zeit jedoch allein. „Zuerst hat mich die enorme Verantwortung abgeschreckt, aber es war die seltene Chance, ein bestehendes Unternehmen zu übernehmen, das großes Potential für die Zukunft hat.“ Derzeit werden mehr als 7000 Anlagen mit der Software betrieben. Niestaedt sieht das Unternehmen auf Platz 2 oder 3 in der Welt, aber sein persönliches Ziel ist es, „langfristig der Beste“ zu werden. Allerdings: „Man ist sich vorher nicht über alles klar, was da auf einen zukommt – die Komplexität kann man nicht abschätzen, bevor man es erlebt hat.“ Auch eigene Zweifel müssen bewältigt werden. „Man schafft nicht alles, damit muss man sich abfinden. Man kann nicht rund um die Uhr arbeiten, das wäre gefährlich. Man muss Geduld mit sich selbst lernen.“ Auch Vertrauen zu den Kollegen sei wichtig. „Man darf nicht zu sehr von sich selbst ausgehen, sondern muss begreifen, dass man mit ganz verschiedenen Menschen arbeitet, die unterschiedlichen Stärken haben.“ Die Reaktionen auf den sehr jungen Chef waren „durchaus durchwachsen“, sagt Niestaedt. Er legt großen Wert auf regelmäßige Mitarbeitergespräche unter vier Augen. „Es braucht Zeit, Vertrauen aufzubauen – das ist ein andauernder Prozess. Mehr Geld allein reicht den Leuten nicht mehr, um sich in einer Firma wohlzufühlen. Ich selbst habe Vertrauen zu ihnen, und ich glaube, viele auch in mich.“

Hintergrund zur Serie: Jung in MV - Vom jüngsten zum ältesten Bundesland

Ende der 1980er-Jahre war der Norden der DDR das Gebiet mit der durchschnittlich jüngsten Bevölkerung. Seit der Wende aber hat sich diese Statistik komplett umgekehrt – der Rückgang der Geburtenzahlen war weltweit einzigartig. In MV leben nun die nahezu ältesten Menschen Deutschlands. Mit 46,5 Jahren sind die Einwohner gut zwei Jahre älter als im Bundesschnitt.

Die Gründe für den demografischen Wandel sind vielfältig: die gesellschaftliche Unsicherheit, ein rasanter Wertewandel hin zu westlichen Tendenzen wie später Mutterschaft und nicht zuletzt die wegfallenden Anreize, die das DDR-System jungen Familien bot. „Und die nicht geborenen Kinder fallen heute als potenzielle Eltern weg“, erklärt Soziologe André Knabe. Ein anderer wichtiger Grund für die statistische Alterung ist die Abwanderung junger, qualifizierter Menschen.
In einer neuen Serie wollen wir zeigen, dass es junge Menschen gibt, die sich bewusst für den Nordosten entscheiden. Die hier Chancen sehen, die andere nicht gesehen haben. 

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