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#wirkoennenrichtig : Auch das ist Rostocks Geschichte

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Stolpersteine und das Max-Samuel-Haus erinnern an die Verbrechen der Nazi-Zeit an den Juden der Hansestadt.

svz.de von
erstellt am 18.Jan.2017 | 15:00 Uhr

Auf meinem Gang vom Patriotischen Weg zum Doberaner Platz liegen zwei Denksteine zu meinen Füßen. Stolpersteine oder Erinnerungsmale werden sie auch genannt, von denen etwa 40 in unserer Stadt zu finden sind. Als ich das erste Mal den Text auf der Erinnerungsplatte vor dem Haus Patriotischer Weg 16 gelesen hatte, schickte ich einen nachdenklichen Blick auf Tür und Fassade. Paula Blach, ehemalige Besitzerin dieses Hauses und eines Uhrengeschäfts in der Doberaner Straße, und ihr 16-jähriger Sohn Bernhard waren 1942 im Konzentrationslager Birkenau vergast worden. Sie waren Juden.

Nur wenige Schritte weiter, vor der Friedrichstraße 31, wird an Hans Moral erinnert, Professor und Leiter der Universitäts-Zahnklinik. Er nahm sich 1933 das Leben, nachdem er von den Nazis seiner Ämter enthoben wurde. Auch er war Jude. In der Friedrichstraße 28 standen die Emsa-Werke, von Max Samuel gegründet und geleitet. Zeitweilig waren hier über 150 Mitarbeiter beschäftigt, die Schuhe und diverses Zubehör herstellten. Die Gummibürste für die Pflege von Wildlederartikeln war übrigens Samuels Erfindung, die er patentieren ließ. 1921 konnte er die Villa am Schillerplatz 10 erwerben, erbaut von Paul Korff. Dadurch lebte er in enger Nachbarschaft mit Richard Siegmann, der ab 1898 für 30 Jahre erster Vorstand der Rostocker Straßenbahn und mehrfacher Stadtverordneter war.

Sie wurden Freunde, denn sie einte der jüdische Glaube und ihr soziales Denken. Max Samuel wurde Gemeindevorsteher der Jüdischen Gemeinde in Rostock und übernahm 1930 den Vorsitz des Israelitischen Oberrates von Mecklenburg-Schwerin – bis 1933 die Nazis an die Macht kamen. Nun hielt er die Jüdische Gemeinde zusammen und versuchte, streng religiöse und gemäßigte Juden zusammenzuführen, half, wo und wie er nur konnte, verschaffte Arbeit, Geld und organisierte Ausreisemöglichkeiten. Sein Sohn Herbert emigrierte 1934 nach England, gründete ein Zweigwerk der Firma Emsa. Als Max Samuels Frau starb und er enteignet wurde, folgte er Sohn, Tochter und Enkelin nach England, wo er 1942 verstarb. Die Familie Siegmann aber kam 1943 im KZ Theresienstadt um. Ein Denkstein liegt am Neuen Markt 1.

Ein glücklicher Umstand, dass Herbert Samuel sein Elternhaus 1991 nicht zurücknahm, sondern es der Stadt schenkte mit dem Zweck, hier eine Begegnungsstätte zur Förderung aktiver Toleranz im Miteinander von Menschen unterschiedlicher Religion, Nationalität, Weltanschauung und Lebensform entstehen zu lassen. Dieser Stiftung – unterstützt durch den Verein der Freunde und Förderer des Max-Samuel-Hauses und durch Gelder der Stadt, des Landes und vieler Spender – haben wir nicht nur die Stolpersteine in Form von Denkanstößen zu verdanken.

Seit 25 Jahren gibt es nun das Max-Samuel-Haus am Schillerplatz 10. Noch bis zum 15. März informiert die Ausstellung „Dem jüdischen Mecklenburg auf der Spur“ über dieses besondere Haus und die Arbeit der Stiftung in den vergangenen Jahren. Am 26. Januar, es ist der Vorabend des Internationalen Gedenktages an die Opfer des Holocaust, führt die Historikerin und Kuratorin Steffi Katschke erneut durch die Ausstellung. Dabei erinnert sie nicht nur an die Familie Samuel, sondern würdigt auch die Arbeit des verstorbenen Archivars und wissenschaftlichen Leiters des Hauses, Frank Schröder. Ohne ihn hätten die Rostocker vermutlich diese Begegnungsstätte nicht.

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