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"Wir haben aus Hiroshima und Fukushima nichts gelernt"

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erstellt am 09.Mär.2012 | 10:54 Uhr

Rostock | In Gedanken wird der in Rostock lebende Musikdozent Hidehisa Edane morgen bei seinen japanischen Landsleuten sein. Es treibt dem 34-Jährigen noch immer Tränen in die Augen, wenn er sich an den 11. März 2011 erinnert. Nach dem schwersten Erdbeben in der Geschichte Japans überflutete ein Tsunami weite Teile der Nordostküste. Die Wassermassen rissen fast 20 000 Menschen in den Tod. In dem Atomkraftwerk Fukushima Daiichi kam es durch die Beschädigungen zum Super-Gau. Bei mehreren Explosionen in den Reaktoren stiegen radioaktive Wolken empor und verseuchten die Region, so dass mehr als 100 000 Menschen evakuiert werden mussten.

Zum Glück seien seine Eltern und seine Schwester in der Nähe von Osaka weit entfernt von den Unglücksorten gewesen, meint der junge Musiker. Das Wort "Glück" mag er im Zusammenhang mit dem Ereignis eigentlich gar nicht verwenden, sagt er. Viele Tausende hätten dieses Glück nicht gehabt. Nicht die Toten und deren Angehörigen, aber auch nicht diejenigen, die unter den Spätfolgen radioaktiver Strahlung leiden werden. Nach langem Schweigen meint er: "Gerade das Land, das die Zerstörungskraft zweier Atombomben in Hiroshima und Nagasaki erleben musste, wird erneut auf grausame Weise durch Atomkraft getroffen."

Ein Umdenken bei der Nutzung von Kernenergie könne er in seiner Heimat aber nicht erkennen. Die Politik habe keine wirklichen Konsequenzen gezogen. Alternativen zur Energiegewinnung aus Kernbrennstoffen würden in der Öffentlichkeit nicht diskutiert. Ein Jahr nach Fukushima sei Japan bereits wieder zur Tagesordnung übergegangen. "Wir haben wenig gelernt", sagt der junge Musiker. Gewonnen habe die japanische Mentalität: Wenn etwas stinkt, macht man den Deckel zu!

Wie er aus dem Internet und aus Gesprächen mit Freunden weiß, richteten die meisten Japaner ihren Blick "streng" nach vorn. "Sie wollen aufbauen, weitermachen, nicht darüber nachdenken", berichtet Edane. Radioaktive Strahlung werde einfach unterschätzt, weil sie nicht sichtbar sei. So kehren bereits Menschen in ihre Häuser in die verstrahlte Region zurück.

Außerdem seien Japaner sehr verantwortungs- und traditionsbewusst, versucht er zu erklären. Den Job oder den Boden gibt man nicht so einfach auf. Das habe auch mit der Religion zu tun, die seit Jahrtausenden eng mit den Naturkräften verwoben sei. Japaner glauben an die Götter, die ihnen im Kampf mit den Naturgewalten helfen. "Erdbeben sind in Japan nichts Ungewöhnliches. Jedes Kind lernt in der Schule, wie es sich in dieser Situation zu verhalten hat. Einen hundertprozentigen Schutz aber gibt es nicht." Als Jugendlicher habe er das große Kobe-Erdbeben 1995 hautnah miterlebt. Damals kamen etwa 7000 Menschen ums Leben. Autobahnbrücken stürzten zusammen, es wurden unzählige Brände ausgelöst. Rund 300 000 Menschen wurden obdachlos. "Unsere Familie hat wohl ein Fluss gerettet, der als Pufferzone fungierte", erzählt Edane und fügt hinzu: "In Japan braucht man Gelassenheit." Schließlich könne überall etwas passieren. Einen Koffer mit den wichtigsten Papieren und Stempeln hat jeder Japaner zu jeder Zeit griffbereit. Oft versuche er dies seinen Schülern an der Kreismusikschule "Carl Orff" in Nordwestmecklenburg zu erklären, die bei ihm Posaune spielen lernen und an dem Schicksal Japans große Anteilnahme zeigen. Er verstehe sich als "Botschafter".

Doch bei allem Verständnis für seine Landsleute - Edane wünscht sich, dass die kritischen Stimmen zur Atomkraft zunehmen und Forscher neue Energiequellen für Japan erschließen. "Ich bin kein Fachmann, aber ein Einfach-weiter-so darf es nicht geben", meint der 34-Jährige. Auch Japan müsse an die Kinder- und Enkelgenerationen denken. Deutschland gehe den richtigen Weg, habe mit dem Beschluss zur Abschaltung der Anlagen einen Anfang gewagt. "Bis diese Einsicht sich aber überall durchsetzt", fügt er nach einer Pause hinzu, "ist es wohl noch ein weiter Weg".

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