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24. November 2017 | 16:20 Uhr

"Wir beten für unsere Familien"

vom

svz.de von
erstellt am 24.Aug.2012 | 08:19 Uhr

rostock | Jeden Tag beten sie für die vielen Toten, Verwundeten und Flüchtlinge. Und sie beten für ihre Verwandten und Freunde, die sich immer noch in Syrien befinden. Hamit, Kadir, Said und Mohammed kommen aus Syrien, leben aber in Rostock.

Als im März 2011 die Proteste in Syrien losbrachen, waren sie schon in Deutschland und haben studiert oder gearbeitet. Kadir und Said leben bereits seit vielen Jahren in Rostock. Sie haben gute Jobs und führen ein glückliches Leben in der Hansestadt. Kadir hat zwei Töchter, Said eine deutsche Frau, mit der er auch einen Sohn hat. Beide gebürtigen Syrer sind inzwischen Deutsche. Ihre Familien leben aber weiterhin in Syrien. Sie kommen aus Aleppo, wo derzeit die schwersten Kämpfe zwischen regimetreuen Truppen und dem bewaffneten Widerstand stattfinden. Ganze Straßenzüge sind bereits entvölkert.

In einem jener Straßenzüge wohnte auch Kadirs Familie in einem großen Haus. Inzwischen sind sie in ein Dorf im Norden der Stadt geflüchtet. "Immer wenn ich mit ihnen telefoniere, geht es nur noch um ihre Sicherheit", sagt der junge Mann. Täglich versucht er, sie zu erreichen, nicht immer klappt es, eine Verbindung herzustellen. Die Infrastruktur ist bereits stark geschädigt. Monatelang wollte niemand über die Kämpfe reden, zu groß ist die Angst vor dem Regime aus Damaskus, das das Land neben dem Militär vor allem durch Terror der Geheimdienste beherrscht, berichtet Hamit. 17 solcher Institutionen gebe es in Syrien, die allein den Zweck hätten, die Bevölkerung zu kontrollieren. Selbst die vier Syrer aus Rostock möchten nicht erkannt werden, denn sie fürchten, dass ihren Familien etwas zustoßen würde.

Dabei beschäftigt sie ausschließlich der Krieg in Syrien. Familienvater Hamit hat sein Studium an der Uni Rostock abgeschlossen und ist derzeit auf der Suche nach Arbeit, doch momentan kann er sich kaum auf Einstellungstests konzentrieren - zu sehr hängen seine Gedanken an seinen Verwandten in Syrien. Immer könnte eine der vielen Bomben sie töten. Alle vier berichten davon, dass Nachbarn und Freunde bereits gestorben seien. "Aleppo wird derzeit 24 Stunden am Tag bombardiert", schildert Kadir. Hamits Schwester zählte 28 Stellen, wo allein in einer Nacht Bomben einschlugen. "Vergangenen Monat starben 5000 Syrer in den Kämpfen." Said schüttelt fassungslos den Kopf - es war der heilige Fastenmonat Ramadan. Kadirs Cousin ist vor zehn Tagen verhaftet worden und seitdem weiß die Familie nicht, wo er ist und ob er überhaupt noch lebt. Er hatte Bilder der Proteste mit dem Handy aufgenommen.

Sie alle wollen den politischen Umschwung. "Keiner von uns möchte kriegerischen Widerstand, aber dieses Regime versteht nur Gewalt", sagt Said. Er berichtet, dass es in Syrien noch nie eine Opposition gegeben habe, mit Politik beschäftigte sich niemand, der es nicht musste. Das Regime unterdrücke jede freie Meinung. "Immer wenn ich in Syrien war, hatte ich Angst wegen jedem Wort, das ich sagte", so Said. Opposition habe es nur im Gefängnis, Grab und Exil gegeben. Doch die gewaltsame Niederschlagung von Protesten entfachte ein Feuer, welches im Bürgerkrieg endete. Kadir spricht von Revolution. "Jetzt muss sich jeder in Syrien entscheiden, auf wessen Seite er steht", sagt er.

Dieser Konflikt reißt Familien auseinander. Said steht auf der Seite des Widerstandes, sein Bruder steht Assads Regime nah. Bisher konnte Said ihn nicht erreichen, versucht es aber jeden Tag. "Ich werde ihm sagen, dass ich von ihm enttäuscht bin. So wurden wir nicht erzogen", sagt Said.

Obwohl die Kämpfe immer heftiger werden, haben die Syrer ihre Hoffnungen auf Hilfe von außen fast aufgegeben. Sie wünschten sich eine Flugverbotszone. Nach ausländischen Truppen verlangen sie nicht. Sie beneiden die libyschen Rebellen, die weltweite Unterstützung erhielten. "Doch Syrien hat kaum Öl, da ist das Interesse gering", beschwert sich Kadir. "Das Ende des Regimes ist besiegelt, die Frage ist aber, wie viel Zeit noch vergehen wird, wieviele Menschen noch sterben müssen", sagt er. Auch die Zeit nach dem Regime beunruhigt die Rostocker Syrer. "In Syrien leben wir seit Jahrhunderten friedlich zusammen: Sunniten, Schiiten, Alawiten, Christen und Juden - alle. Doch jetzt wird zwischen den Gruppen Hass geschürt", sagt Said. Obwohl er die Revolution möchte, hat er Angst, dass Pogrome gegen Assad-Anhänger losbrechen werden. Sie gehören zu der muslimischen Gruppe der Alawiten.

Said wünscht sich Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit für seine Heimat. "Syrien muss sich demokratisieren. Doch das wird ein langer Prozess." Wenn er davon spricht hat er doch wieder ein wenig Hoffnung für sein Land im Nahen Osten.

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