Abschied : Winkeltreff öffnet zum letzten Mal

Das Aus für den Winkeltreff sprengt auch das eingespielte Team um Antonio Weidt, Hildegard Rathkens und Monika Koch. Sie haben gerne das gemeinsame Kaffee-Trinken vorbereitet.
Das Aus für den Winkeltreff sprengt auch das eingespielte Team um Antonio Weidt, Hildegard Rathkens und Monika Koch. Sie haben gerne das gemeinsame Kaffee-Trinken vorbereitet.

Am 30. Juni schließt die soziale Einrichtung in Lütten Klein / Alternative im Mehrgenerationenhaus in der Danziger Straße

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22. Juni 2015, 16:00 Uhr

Seit zwei Jahren ist Antonio Weidt Ein-Euro-Jobber im Winkeltreff in Lütten Klein. Mit ihm gibt es fünf weitere. Ob am Donnerstag ein reichhaltiges Frühstücksbüffet oder das tägliche Mittagessen serviert wird – der 58-Jährige und seine Kollegen sind gern zur Stelle. „Hier habe ich eine Aufgabe und bin für andere Menschen da“, sagt Weidt. Am 30. Juni wird sich die Situation allerdings verändern: „Wir müssen umziehen“, erklärt der Rostocker.

Bereits seit einem Jahr kämpft der Winkeltreff in der Ahlbecker Straße ums Überleben. Der Träger, die Hanseatische Weiterbildungs- und Beschäftigungsgemeinschaft Rostock, sprang aus finanziellen Nöten als Betreiber ab. Damals konnte die Einrichtung, die bedürftigen Menschen einen Treffpunkt bietet, gerettet werden. Neuer Betreiber wurde die AFW Arbeitsförderungs- und Fortbildungswerk GmbH. Deren Trägerschaft läuft nun aber aus.

Eine Verlängerung ist wegen des Schuldenbergs der Stadt nicht möglich, sagt Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke): „Wir haben die Auflage vom Land erhalten, zehn Millionen Euro einzusparen.“ Das bedeute insbesondere Kürzungen bei den freiwilligen Leistungen, zu denen der Winkeltreff gehöre. Ersatzlos geschlossen wird die Einrichtung aber nicht. „Wir stellten den Kontakt zum Mehrgenerationenhaus von In Via in der Danziger Straße her“, so Bockhahn. Dort finden die Winkeltreff-Nutzer ab 1. Juli ihre neue Heimat. Das Haus liegt nur wenige Schritte vom jetzigen Standort entfernt. Trotzdem sind die langjährigen Nutzer des Winkeltreffs verunsichert. „Wir werden keine eigenen Räumlichkeiten mehr haben“, sagt Hildegard Rathkens. Sie besucht den Treff seit zwölf Jahren.

Ingeborg Teuber, Leiterin des Mehrgenerationenhauses, setzt ganz bewusst auf einen integrativen Ansatz: „Bei uns hat keine Gruppe einen eigenen Raum. Die Begegnung untereinander steht im Vordergrund“, so Teuber und unterstreicht, dass der Umzug auch „neue Möglichkeiten wie eine Sozialberatung bringt“.

Der Frust bei den Winkeltreff-Nutzern bleibt, denn für sie ist der Treff mehr als nur ein Raum der Begegnung. Bis zu 25 sozial Benachteiligte erhalten derzeit eine vergünstigte Mittagsmahlzeit, die vom Verein Wohltat geliefert wird. Die Versorgung bleibt mit dem bevorstehenden Umzug zu den gleichen Konditionen bestehen. „Das übernimmt weiterhin der Verein Wohltat“, erklärt Bockhahn. Daniel Jarohs vom Amt für Jugend und Soziales stellt allerdings klar: „Es gibt Einschränkungen.“ So werde die Essensausgabe am Sonnabend definitiv entfallen, da das Mehrgenerationenhaus am Wochenende geschlossen hat.

Die Gäste des Winkeltreffs sind nicht nur deswegen besorgt: „Wir sind unsicher, wer sich am neuen Standort um anfallende Aufgaben wie Essensausgabe oder Geschirr-Reinigung kümmert“, so Hildegard Rathkens. Zuvor war dies Aufgabe der Ein-Euro-Kräfte, die künftig wegfallen. „Auch dafür gibt es Lösungen“, so Teuber. Wichtig sei ein gemeinsamer Dialog. „Unsere Sozialpädagogin steht dafür bereit.“ Senator Bockhahn ist überzeugt: „Es wird anders, aber nicht zwingend schlechter.“ Dafür will Ingeborg Teuber sorgen. Sie sagt: „Räumliche Veränderungen machen Angst, doch wir heißen die Winkeltreff-Gäste bei uns herzlich willkommen.“

Wie es bei Antonio Weidt nach dem 30. Juni weitergeht, ist ungewiss. Er findet es schade, dass der Winkeltreff nach mehr als zehn Jahren schließt. Den neuen Standort möchte er sich dennoch ansehen.

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