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Norddeutsche Neueste Nachrichten

19. November 2017 | 11:47 Uhr

Rezension : Win-win mit „Feuerherz“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Volkstheater Rostock feiert Premiere mit Feine Sahne Fischfilet. Dabei gab es stehende Ovationen für ein Punkkonzert

Monchis Stimme zittert als er den Abschiedsbrief seines Freundes „W.“ vorträgt. Vor tausenden kreischenden Fans hat der gewichtige Frontmann Jan „Monchi“ Gorkow der Rostocker Punkbank „Feine Sahne Fischfilet“ schon viele Male gesungen und gerockt. Aber der Auftritt vor einem Theaterpublikum ist für den 28-Jährigen eine Premiere und das bei einer Premiere.

Am Samstagabend wurde erstmals das Stück „Feuerherz - Die allerneuesten Leiden des jungen Werthers“ im Rostocker Volkstheater vor ausverkauftem Haus gezeigt.

Das krisengeplagte Haus wagt damit ein Experiment: Der Autor und Regisseur Jürgen Eick hat in Auftragsarbeit die Geschichte des jungen Mannes von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1774 in das 21. Jahrhundert fortgeschrieben und dabei viele Orte der Region eingebaut.

Außerdem hat sich das Theater die Lokalhelden des Punkrocks ins Haus geholt - auch um mehr junge Menschen in den Zuschauersaal zu locken. Und sie sind am Samstagabend gekommen: Studenten mit Juterucksäcken, Schulklassen und Feine-Sahne-Fischfilet-Fans mit auffälligen Tattoos wie auch Monchi sie trägt. „Wir haben bei den ersten Ideen zum Stück vor eineinhalb Jahren natürlich nicht nur gedacht, wie holen wir junge Leute ran“, sagte Dramaturg Martin Stefke vor der Premiere.„Aber ich denke, wir haben beide eine Win-win-Situation.“ W., hervorragend gemimt von Filip Grujic, trägt in dieser Werther-Version graue Jogginghosen und einen Parka. Aufgewachsen ist er im „Sonnenblumenviertel“, erzählt er. Seine große Liebe Lotte, gespielt von der bildhübschen Sabrina Frank, trifft er bei einem Konzert: Er verliebt sich in ihre Art zu tanzen. Er ist 18, sie 27.„Digger, jetzt komm’ mal runter, die will Dich nur als Toyboy“, warnt sein bester Freund Monchi. Regisseurin Nicole Oder und Dramaturg Stefke haben, so sagen sie, bewusst Monchis Rolle seiner Art zu sprechen angeglichen. So entsteht während der gesamten, fast zwei Stunden die Diskrepanz zwischen ausgefeilter Schauspiel-Betonung und Frei-von-der-Leber-Weg-Reden.

Das Bühnenbild arbeitet viel und gut mit dem Spiel der Scheinwerfer; ein Riesen Blumenmeer wird zu W’s Grab. Feine Sahne Fischfilet tritt bei ihrem ersten Song hinter einem durchsichtigem, schwarzem Vorhang auf. Als Goethe in Gestalt jedoch plötzlich auf dem Grab sitzt und später mit dem toten Helden kifft, wird der Abend immer klamaukiger. Ab Beginn ist das Ganze ein Mitmach-Abend: „Und nun erheben sich alle vor dem Richter“, heißt es – und das Publikum steht auf. Monchis Art bringt seine Fans zum Lachen, allerdings nicht zum Tanzen.

Dabei hat die Band nicht nur sechs Songs auf Goethe-Texte geschrieben, sondern noch einmal so viele aus ihrem Repertoire mit ins Volkstheater gebracht. Und so ist es am Ende vor allem ein Punkkonzert, das stehende Ovationen bekommt. „Das ist modernes Volkstheater“, meint Intendant Sewan Latchinian, der drei Tage nach Rückkehr nach längerer Krankheit die Premiere ansah. „Mit Projekten wie diesen wollen wir ein neues Publikum, aber müssen auch das alte halten!“ Ein älteres Ehepaar war nach dem ersten Song von Feine Sahne Fischfilet gegangen. „Ich fand’s etwas schwierig, dem Theatertext zu lauschen und mich gleichzeitig auf die Musik einzulassen, aber das lockt sicher junges Publikum an“, sagte die Zuschauerin. Die meisten Gäste waren begeistert vom Experiment im Volkstheater. In dieser Spielzeit soll es laut Intendant noch zehn weitere Vorstellungen von „Feuerherz“ geben. Im Herbst dann noch einmal zehn. 

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