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Norddeutsche Neueste Nachrichten

11. Dezember 2017 | 20:11 Uhr

Ausstellung : Wie der Fronteinsatz alles änderte

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Das Kulturhistorische Museum eröffnet eine Sonderausstellung über Rostocker und Mecklenburger im Ersten Weltkrieg

svz.de von
erstellt am 12.Jun.2014 | 13:00 Uhr

Am 16. August 1917 ist Friedrich Priester gefallen. Er wurde von einem Granatsplitter getroffen, der sein Herz durchbohrte. „Es möge Ihnen zur Beruhigung dienen, dass er stets voll und ganz seine Pflicht getan und den größten Tod, den Heldentod fürs Vaterland starb“, heißt es in der Nachricht, die seine Familie einen Tag später erhielt. Friedrich Priester war einer von rund 33 000 Soldaten aus Mecklenburg, die 1914 für den Kaiser in den Ersten Weltkrieg zogen. Friedrich Priester war einer von 3000, die nie in ihre Heimat zurückkehrten.

Das Kulturhistorische Museum widmet sich in seiner neuesten Sonderausstellung „Für den Kaiser an die Front. Rostocker und Mecklenburger im Ersten Weltkrieg“ Einzelschicksalen wie dem von Friedrich Priester, aber auch dem Leben der städtischen und ländlichen Bevölkerung im Kriegsalltag.

Im Dezember 1917 wurde die Leiche von Friedrich Priester von Belgien nach Kühlungsborn überführt. Dort nahm seine Familie am 22. Januar den Sarg entgegen. Während seiner Zeit im Krieg hielt Friedrich Priester regelmäßig Briefkontakt zu Freunden und Verwandten. Unverblümt erzählte er von den Geschehnissen an der Front. „Hoffentlich haben die Eltern meinen Brief erhalten, in dem ich schrieb, dass wir wieder in dem größten Schlamassel sind“, betont er in einem seiner Briefe. Doch Priester schrieb nicht nur, er fotografierte auch – vor allem den Tod. Tote Tiere, tote Menschen, ausgedörrte Felder – seine Bilder zeigen den Krieg. Familie Priester schenkte dem Historischen Museum für die aktuelle Ausstellung sowohl die erhaltenen Briefe als auch die Fotografien.

„Wir haben nicht nur Aufnahmen von Friedrich Priester. Wir zeigen auch 129 Farbfotos aus dem Kaiserpanorama“, sagt Museumsleiter Dr. Steffen Stuth. „Das waren die Bilder vom Krieg, die die Rostocker in den Hinterzimmern der Gasstätten zu sehen bekamen“, fügt er hinzu.

Die Ausstellung spannt einen Bogen vom 26. Juli 1914 bis zur Novemberrevolution 1918. Sie beginnt mit einer Aufnahme von der Einweihung des John-Brinckman-Brunnens, dem letzten bürgerlichen Großereignis vor Kriegsbeginn. „Am 1. August 1914 wurde Deutschland in den Kriegszustand versetzt. Das gesamte Deutsche Reich wurde unter Militätverwaltung gestellt. Voller Euphorie zogen die Soldaten an die Front“, berichtet Stuth. „1915 wurden in der Hansestadt Spenden gesammelt. Der Nagelgreif wurde aufgestellt“, erzählt der Kulturhistoriker weiter. 26 974 Nägel wurden in den Greif geschlagen. „Ein Nagel kostete 50 Pfennig“, weiß Stuth. 73 029 Mark kamen durch den Spendengreif zusammen. „Später, als die Euphorie umschlug, Gedenknägel angebracht. Verwandte von gefallenen Soldaten konnten diese kaufen.“

Auf einem dieser Nägel steht der Name Friedrich Witte. Er war der Enkel des Chemiefabrikanten und Apothekers Dr. Friedrich Witte. „Die Familie war sehr wohlhabend und unterstützte das Kriegsgeschehen – bis zu dem Verlust ihres Verwandten“, erzählt Stuth. Das Denken veränderte sich – aber nicht nur bei Familie Witte. Nachdem bereits 1914 die ersten Lebensmittel knapp wurden und 1916 das Fahrradfahren verboten wurde, weil das Gummi der Räder im Krieg benötigt wurde, spürten die Rostocker deutliche Einschnitte in ihrem Alltag. „Im Juli 1917 wurden die Kirchenglocken in ganz Mecklenburg eingesammelt. Sie sollten eingeschmolzen werden“, sagt Steffen Stuth. Auch acht der 22 Rostocker Kirchenglocken, darunter die von St. Petri, wurden zu Kriegsmaterial verarbeitet. „Am Abend vor dem Abtransport haben alle Glocken ein letztes Mal zusammen geläutet und die Rostocker merkten, dass der Krieg ihr Leben verändert hat“, so Stuth.

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