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Schiffbau an Peene und Stralsund vor dem Ende : Werftenpleite: 2000 Jobs in Gefahr

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Erneut stehen Werften in Mecklenburg-Vorpommern vor dem Aus. Nach monatelangem Hin und Her zog die Landesregierung für die P+S-Werften in Stralsund und Wolgast die Notbremse und stoppte die Hilfen.

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erstellt am 20.Aug.2012 | 08:30 Uhr

Schwerin | Ruhe in der Schiffbauhalle: Jahrelang hatten sie auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtet, unzählige Überstunden zum Nulltarif geleistet. „Alles für den Standort“, meint Guido Froeschke. „Ohne Einsparungen hätten die beiden Schiffbaubetriebe schon vor zwei Jahren Insolvenz anmelden können“, sagt der Werftexperte der IG Metall in Vorpommern gestern. Doch am Ende hat auch aller Verzicht nicht geholfen. Aus für zwei der fünf Großwerften in Mecklenburg-Vorpommern: Die Volkswerft Stralsund und die Peenewerft Wolgast sind am Ende.

Trotz Millionen-Bürgschaften, Millionen-Krediten, trotz voller Orderbücher mit milliardenschweren Aufträgen ist den Schiffbaubetrieben das Geld ausgegangen. „Keine gute Nachricht“, meint Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) gestern. Vor allem die Volkswerft Stralsund sei „aus dem Tritt“ geraten, sagt der erst vor zwei Wochen auf den Chefsessel gerückte Geschäftsführer Rüdiger Fuchs. Die Werft habe sich auf dem Weg vom Serien- zum Spezialschiffbauer zu viel vorgenommen. Keine ausreichenden Planungen und Konstruktionsunterlagen, mangelhafte Arbeitsvorbereitung für den Bau neuer Schiffe – keiner der Liefertermine für die in Bau befindlichen Schiffe ist zu halten, hatte Fuchs nach Tiefenprüfungen im Unternehmen festgestellt – ein Erbe des Management des erst zu Monatsbeginn abgelösten Ex-Chefs Dieter Brammertz.

„Ein schmerzhaftes Ergebnis“, erklärt Regierungschef Sellering nach dem Eingeständnis der Werft nach einem Krisentreffen in Schwerin. Jetzt zog das Land die Notbremse: Es gebe keine „Fortführungsperspektive“ mehr, sagt Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) nach dem eineinhalbjährigen Krisentreffen. Der vereinbarte Kreditrahmen reiche nicht, um bestehende Verträge fertigzustellen und die Werften vor der Zahlungsunfähigkeit zu retten. Eine Erhöhung lasse das EU-Beihilferecht nicht zu. 70 Millionen Euro hatte das Land an Notkrediten in den vergangenen Wochen ausgereicht – jetzt ist Schluss.

Erst vor Wochen hatten Land, Bund, EU, Belegschaft und Banken ein Rettungspaket geschnürt, das u. a. öffentliche Sanierungskredite von bis zu 152 Millionen Euro, erneuten Verzicht der Belegschaft vorsah. Spätestens mit dem im Juni vereinbarten Sanierungsplan hatten die Werftarbeiter wieder Hoffnung. Und nun: Ein schwerer Schlag für die ganze Region, meint Gewerkschafter Froeschke. Werftarbeiter, Leiharbeiter, Zulieferer: Von den Werften hängen 5000 Beschäftigte und ihre Familien ab. Verbitterung: Monatelang hatte die alte Geschäftsführung versucht, die Werftarbeiter mit geschönten Berichten zu beruhigen. Doch die Realität sah anders aus. „Das ist enttäuschend, dass die Zahlen nicht gestimmt haben“, meint Froeschke. Die Belegschaft fühle sich von der Landesregierung im Stich gelassen. Keine Notkredite mehr vom Steuerzahler, weil es das EU-Beihilferecht zulässt – „den Schiffbauern nützt das gar nichts“, meint Froeschke. „Griechenland bekommt Milliarden über Milliarden und hier fehlt das Geld, um Arbeitsplätze zu retten“, gibt er die Stimmung unter der Belegschaft wieder.

Mit der Pleite der P+S-Werften rutscht einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in MV binnen weniger Jahre in die Krise. Erst Mitte 2009 hatten die beiden Werften in Wismar und Warnemünde mit einst 2400 Beschäftigten Insolvenzantrag stellen müssen. Nach dem Einstieg des russischen Investors Witali Jussufov gelang nur mit Mühe der Neustart. Inzwischen bauen die Schiffbauer unter anderem Konverter-Plattformen für Offshore-Windparks – Arbeit für 1035 Mitarbeiter.

Den Schiffbauern in Wolgast und Stralsund bleibt zumindest die Hoffnung: „Das muss nicht das Ende sein“, meinte Regierungschef Sellering. Das Land werde auch künftig alles für die Werften tun. Zumindest für die Peenewerft gibt es eine Chance. „Im Kern ein tragfähiges Geschäftsmodell“ mit „hervorragenden Kompetenzen“ im Marineschiffbau, stellte der neue Werftchef Fuchs dem Standort noch gestern in seinem Zukunftskonzept den Verkauf an einen neuen Investor binnen eines Jahres in Aussicht. Doch einen neuen Eigner zu finden, der frisches Kapital bringt, dürfte angesichts der Branchenkrise schwer fallen. Wie es auch kommt: „Am Ende baden es wieder die Kollegen aus“, meint Gewerkschafter Froeschke.

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