Werft-Rettung steht auf der Kippe

<strong>Volle Orderbücher aber Ebbe in der Kasse: </strong>Die P+S-Werften stecken in der Finanzkrise. Ohne öffentliche Hilfe droht ihnen das Ende. <foto>dpa</foto>
Volle Orderbücher aber Ebbe in der Kasse: Die P+S-Werften stecken in der Finanzkrise. Ohne öffentliche Hilfe droht ihnen das Ende. dpa

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01. Juni 2012, 09:35 Uhr

Schwerin | Notgroschen für klamme Werften: Das Land springt für die existenzbedrohten P+S-Werften in Stralsund und Wolgast mit einer Soforthilfe ein. Um die ausstehenden Löhne zahlen zu können, habe das Land gestern 4,7 Millionen Euro für die Schiffbaubetriebe freigegeben, teilten Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) und Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) gestern nach einer Krisensitzung des Kabinetts mit. Anfang kommender Woche sollten die Löhne auf den Konten der Werftarbeiter sein, so Glawe. Insgesamt bräuchten die Unternehmen auf die Schnelle einen "hohen zweistelligen Betrag", um ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. Sellering und Glawe hatten zuvor die Kabinettsmitglieder über die Verhandlungen mit der EU über eine neue Millionenspritze für die Werften informiert. Brüssel habe signalisiert, den Schiffbauern helfen zu wollen, sagte Sellering. Zum Erhalt der Werften seien Umstrukturierungsbeihilfen notwendig, insgesamt 291,6 Millionen Euro. 182 Millionen Euro sollen aus der Staatskasse fließen, Hälfte Hälfte von Bund und Land. 109,6 Millionen Euro müssten aber von Privaten aufgebracht werden, erklärte der Regierungschef. Bereits gestern hätten Bund und Land bei der EU eine Rettungsbeihilfe beantragt, um die kommenden Wochen bis zur Entscheidung der EU über eine noch zu beantragende Umstrukturierungshilfe in sechs Monaten überbrücken zu können.

Trotz Hilfssignale aus Brüssel und Schwerin, gerettet sind die Werften damit noch nicht. "Wir haben eine sehr ernste Lage", sagte Sellering. Noch gebe es "sehr viele Einzelprobleme", von denen aber die "meisten gut lösbar" seien. Noch könne alles "kippen", so der Regierungschef. Ein Rettungspaket mit vielen Unbekannten: Vor allem der private Finanzierungsanteil stößt in Brüssel auf Bedenken. So sollen sowohl Banken als auch Zulieferer beteiligt werden. Die Unternehmen hätten signalisiert, sich nicht zu verschließen, sagte Glawe. Über Einzelheiten solle in den kommenden Tagen verhandelt werden. Für die Hauptlast müssen aber offenbar die 1700 Beschäftigten aufkommen. So schätzt Sellering, dass die Werftarbeiter über "einen längeren Zeitraum" für 50 bis 80 Millionen Euro aufkommen müssten. Allerdings würde die EU-Kommission einen einfachen Lohnverzicht nicht anerkennen. Brüssel verlange ein stärkeres privates Engagement. Deshalb werde in den nächsten zwei bis drei Wochen u. a. eine rechtliche Konstruktion beispielsweise für ein Eigentümermodell gesucht, erklärte Sellering. Der Bund habe bereits Unterstützung zugesagt. Wenn es gelinge, die Umstrukturierung auf gesunde finanzielle Füsse zu stellen, hätten die Werften eine Zukunft, gab er sich überzeugt. "Nachdem Brüssel grundsätzlich grünes Licht gegeben hat, muss es gelingen, die dort noch bestehenden Vorbehalte auszuräumen", meinte Helmut Holter, Links-Fraktionschef im Landtag und forderte von der Landesregierung ein besseres Krisenmanagement: "Obwohl die Probleme seit Monaten bekannt waren, hat sie so lange gezögert, bis die Werften kurz vor dem Abgrund standen. Ein solches Szenario, wie wir es in den vergangenen Tagen erlebt haben, darf sich nicht wiederholen."

Zweifel bleiben: Trotz der jetzt beschlossenen Nothilfe - Fachleute haben Bedenken an der tatsächlichen Fortführungsperspektive der beiden Werften angemeldet. Die Umstrukturierung der Unternehmen am Sund und am Peenestrom zu einem Spezialschiffbauer birgt offenbar größere Risiken als erwartet, heißt es. So dürfte es den P+S-Gruppen schwer fallen, als Neuling im Spezialschiffbau angesichts des Wettbewerbsdrucks auskömmliche Preise am Markt durchzusetzen. Zu spüren bekamen die P+S-Werften das offenbar bereits bei den Neuaufträgen für die Scandline-Fähren. Auskömmlich kalkuliert bringen sie den Schiffbauern jetzt riesige Verluste ein, heißt es. Bei verspäteten Ablieferungen, wie im Falle der Scandlines-Fähren, seien Vertragsstrafen "nicht außergewöhnlich", hatte das Unternehmen zuvor erklärt. "Sie führen jedoch nicht zu Verlusten in Höhe von vielen Millionen." Offenbar aber zu so hohen Ausfällen, dass die Vorfinanzierung für andere Aufträge vor dem Zusammenbruch steht. Zwar werben die Werften derzeit mit 21 Aufträgen in den Orderbüchern im Wert von mehr als einer Milliarde Euro, Experten zufolge werfen sie aber zu wenig ab, um die Umstrukturierung abzusichern. Indes wackelt offenbar auch der Stuhl von Werftchef Dieter Brammertz. Ihm werden Managementfehler angelastet, die die Krise verschärft haben, heißt es im Unternehmensumfeld.

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