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Norddeutsche Neueste Nachrichten

12. Dezember 2017 | 11:27 Uhr

Wenn Sattelschlepper durchs Zimmer fahren

vom

svz.de von
erstellt am 17.Okt.2012 | 12:58 Uhr

Güstrow | Die Nacht an der Hauptstraße ist um drei Uhr morgens vorbei. "Dann kommen die ersten Brummis", sagt Werner Oeding. Bis zu 40 Tonnen schwere Holzlaster, mit Containern beladene Sattelschlepper und Baumaschinen "brettern und pflastern" direkt an seinem Reihenhaus in Ludwigslust vorbei. Oft im Pulk. "Zwei bis drei LKW hintereinander", erzählt Oeding. In den Schränken wandern die Gläser. Die Türen klappern im Schloss. Werner Oeding schläft nur noch mit Ohrstöpseln. "Ohne die geht es nicht mehr", sagt er.

Rund 17 000 Autos, Transporter und LKW rauschen täglich an Oedings Wohnhaus vorbei. Das Reihenhaus steht an einem 1,5 Kilometer langen Abschnitt, auf dem die Bundesstraßen 106 und 191 gemeinsam durch das Ludwigsluster Stadtgebiet verlaufen. Häuser und Straße trennt oft nur der Bürgersteig. Die Anwohner brauchen starke Nerven: Einige von ihnen haben bei geöffneten Fenstern das Gefühl die Sattelschlepper würden direkt durchs Wohnzimmer rauschen. Gespräche im Vorgarten werden durch den Verkehr übertönt. "Die Strecke ist ein Lärmbrennpunkt. Die Belastungen sind zum Teil erheblich", bilanziert Hermann Lewke, Dezernatsleiter am Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie in Güstrow (LUNG).

Die Betroffenen in Ludwigslust hören und spüren den Verkehrslärm - Lewke und seine Mitarbeiter am LUNG haben ihn berechnet, und sichtbar gemacht.

1400 Kilometer Straße kartiert

Für mehr als 90 Ämter und amtsfreie Gemeinden in MV hat das LUNG farbige Lärmkarten erstellt und diese ins Internet gestellt. Im Computer berechneten die LUNG-Mitarbeiter für Straßen mit einem Verkehrsaufkommen von jährlich über drei Millionen Fahrzeugen, welche Lärmquellen es gibt, wie hoch der Lärmpegel ausfällt und wie viele Einwohner davon betroffen sind. Rund 1400 Kilometer Hauptverkehrsstraßen wurden dafür kartiert, die Zahl der Autos in einer Straße, ihr Durchschnittstempo und der Lkw-Anteil berücksichtigt. Auch Straßenneigung und Fahrbahnbelag sowie die Bebauung flossen mit ein.

Auf den ersten Blick sehen die Lärmkarten wie farbige Abbilder von Adern im menschlichen Körper aus. Über manchen Straßen liegen dicke braune Streifen, die in der Mitte magentafarben oder blau sind. Andere Abschnitte sind mit feinen Strichen in rot oder orange markiert. Orange steht für Stellen, in denen der Lärmpegel im 24-Stunden-Durchschnitt zwischen 55 und 60 Dezibel liegt. Das entspricht in etwa der Lautstärke eines normalen Gespräches.

Verkehrslärm macht krank

Die Bewohner an der B106 und B191 in Ludwigslust leben dagegen teilweise in magentafarbenen Bereichen: Dort beträgt der durchschnittliche Geräuschpegel mitunter 70 bis 75 Dezibel. Das kann gefährlich werden. Unter Medizinern gelten bereits 65 Dezibel als Wert, der sich auf Dauer belastend auswirkt. Ab 70 Dezibel besteht laut Lärmexperte Lewke sogar Gesundheitsgefahr.

Verkehrskrach macht krank: Menschen, die viele Jahre unmittelbar an Lärmbrennpunkten leben, leiden unter Schlafstörungen. Das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. An die 4000 Herzinfarkte in Deutschland gehen nach Schätzungen des Umweltbundesamtes jährlich auf Straßenlärm zurück.

Die Belastungen schlagen sich auch aufs Gemüt nieder. "Manche Bürger sind psychisch richtig angeknackst und sagen, dass sie den Lärm einfach nicht mehr aushalten", schildert Werner Oeding, der sich in einer Bürgerinitiative gegen Verkehrslärm engagiert, die Erfahrungen von Betroffenen in Ludwigslust. Einige Wohnungen und Häuser würden seit mehreren Jahren leer stehen. Aus Furcht vor dem Dauerlärm zieht dort niemand mehr ein. An solchen Hot-Spots sinkt neben der Lebensqualität "auch der Wert von Immobilen", erklärt Experte Lewke.

Lärmbrennpunkte gibt es laut Auswertung des LUNG fast in jedem Ort mit Hauptverkehrsstraßen. In Waren/ Müritz im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte haben die LUNG-Mitarbeiter die Bundesstraße 192 als Hauptlärmquelle ausgemacht. Mehr als 10 000 Fahrzeuge passieren die Hauptstraße täglich. Auf der Lärmkarte für die Müritzstadt fallen viele stecknadelgroße Quadrate auf, die direkt an der B192 in einem magentafarbenen Streifen liegen. Es sind Wohnhäuser. Über 1000 Anwohner der Müritzstadt müssen demnach durchschnittliche Lärmpegel von 70 Dezibel und mehr ertragen. Das Knattern eines Rasenmähers ist ähnlich laut.

Doch was haben lärmgeplagte Anwohner wie in Ludwigslust oder Waren eigentlich von diesen Lärmkarten? "Wir müssen die Bevölkerung informieren", sagt Hermann Lewke. Die EU hat ihre Mitgliedsstatten dazu aufgefordert, Konzepte vorzulegen, um schädliche Auswirkungen durch Umgebungslärm zu verhindern oder zu mindern. Die Lärmkarten sind der erste Schritt gewesen. Nun sind die Städte und Gemeinden am Zug. Bis zum Juli 2013 müssen sie unter Beteiligung der Verkehrsbehörden und Einwohner Aktionspläne mit lärmmindernden Maßnahmen aufstellen.

Schutz für geplagte Anwohner

Lärmopfer könnten beispielsweise durch Umgehungsstraßen entlastet werden. "Es gibt aber auch andere Wege", sagt Lewke. Es müssten nicht immer gleich Straßen umgeleitet werden oder Schallschutzmauern hochgezogen werden. Für Entlastung könne auch lärmmindernder Asphalt sorgen. Mit Geschwindigkeitsbegrenzungen und auf Grüne Welle geschalteten Ampeln ließe sich der Lärmpegel ebenfalls absenken. "Gleichmäßig fließender Verkehr wird als angenehmer empfunden", erklärt Lewke.

In Ludwigslust dürfen LKW ab 3,5 Tonnen von 22 bis 6 Uhr auf der B106/191 nur noch 30 Kilometer pro Stunde fahren. "Wenn die sich dran halten, merkt man das. Es ist weniger Lärm", sagt Werner Oeding. An das Tempolimit halten sich aber längst nicht alle Brummifahrer.

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