NNN-Serie : Wenn einen keiner versteht

In der Psychiatrie in Gehlsdorf werden auch Flüchtlinge behandelt, sie kommen auf Überweisung oder durch den Kontakt mit betreuenden Stellen, auch mit der Polizei.
In der Psychiatrie in Gehlsdorf werden auch Flüchtlinge behandelt, sie kommen auf Überweisung oder durch den Kontakt mit betreuenden Stellen, auch mit der Polizei.

Psychosoziale Betreuung der Flüchtlinge reicht nicht aus. Hindernisse sind die Sprache, ein zu geringes und ungebündeltes Angebot.

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28. August 2015, 06:00 Uhr

Wie geht es Flüchtlingen, die in Rostock Zuflucht vor Krieg, Verfolgung und Not suchen? Wie geht die Hansestadt mit ihnen um? Ist die Stadt überhaupt auf die Versorgung und Unterbringung der vielen Menschen vorbereitet? In einer Serie geben die NNN jeden Tag Antworten auf die wichtigsten Fragen. In Teil 5 geht es um die psychischen Leiden mit unter schwerst traumatisierten Flüchtlinge und darum, wie ihnen geholfen wird.

„Hierher kommen Flüchtlinge aus gutem Grund“, sagt Steffen Vogt, Leiter des Asylbewerberheims in der Satower Straße. Sie kommen aus Kriegsgebieten, haben viel Leid erlebt, vieles aufgegeben. Nicht selten sind sie traumatisiert. „Einige können es gut verarbeiten, andere nicht“, sagt Vogt. Er schätzt, dass 10 bis 30 Prozent der Bewohner eine psychologische Betreuung bräuchten und will die Zahlen am liebsten zurücknehmen. Man könne es ja nicht richtig wahrnehmen. Ein besonders reizbarer Mann, eine Frau, die nachts das Licht anlässt, das seien Anzeichen, bei denen die Sozialarbeiter nachhaken. Vieles bliebe aber im Dunkeln.

Über solche Probleme zu reden, ist meist nur durch Sprachmittler möglich. Stellt sich heraus, dass ein Flüchtling arge psychische Probleme hat, wird es schwer. Für Vorpommern gibt es mit dem Psychosozialen Zentrum für Migranten einen zentralen Anlaufpunkt. In Rostock und dem Landkreis fehlt das. Vogt und seine Kollegen telefonieren sich durch die psychologischen Praxen der Stadt. Nur sieben mit Wartezeiten unter drei Monaten stehen auf der Liste der Kassenärztlichen Vereinigung.

„Nur einige wenige Flüchtlinge sind in Therapie“, sagt Vogt. Eben, weil es so schwierig ist, einen Therapeuten zu finden und dann noch einen, der die Therapie auch mit Sprachmittler oder Dolmetscher übernimmt, was einen Eingriff in die Privatsphäre des Patienten und eine fehleranfällige Therapie bedeuten könnte.

Bei schwersten Fällen sind diese Barrieren sekundär. Und schwere Fälle gibt es in Rostock: Menschen, die seelisch einfach nicht ertragen, was ihnen widerfahren ist, die sich gar ihr Leben nehmen wollen. Zehn Selbstmordversuche gab es letztes Jahr im Heim.

Der Betreuungsbedarf wächst mit der Zahl der Flüchtlinge und er wächst im wahrsten Sinne heran. „Die kleinen Kinder sind alle schwer traumatisiert“, sagt Stefanie Fischer vom Verein Soziale Initiative. Aber sie müssten zur Schule, wie die Drei- bis Vierjährigen in den Kindergarten, wo sie weder die anderen Kinder noch die Erzieher verstehen – in doppelter Hinsicht. „Wenn wir nicht wollen, dass wir in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Gehlsdorf Dauerpatienten haben werden, dann müssen wir jetzt handeln“, sagt sie. Der Betreuungsbedarf ist der Stadt bekannt, aber eben eines von vielen Problemen, das zu bewältigen sein wird. Der Sozialsenator berät sich dazu mit Spezialisten der Unimedizin.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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