Sozialkaufhaus : Wenn das Schicksal alles verändert

Ob Möbel, technische Geräte oder Spielwaren: Thomas Ratzlaff vom Sozialkaufhaus Lütten Klein freut sich über jede Spende.
Ob Möbel, technische Geräte oder Spielwaren: Thomas Ratzlaff vom Sozialkaufhaus Lütten Klein freut sich über jede Spende.

Nach Schlaganfall und Wohnungsbrand ist eine Familie in Not. Doch die Rostocker Stadtmission hilft.

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24. Juli 2014, 12:00 Uhr

Es war der 6. Mai dieses Jahres, der das Leben der 32-jährigen Steffi aus Rostock grundlegend veränderte. „Als ich morgens aufgewacht bin, war noch alles gut. Doch dann kamen die Kopfschmerzen, das Taubheitsgefühlt, das verminderte Sehvermögen. Meine Mutter brachte mich zum Arzt“, erinnert sie sich. Die junge Frau musste notoperiert werden. Steffi hatte drei Schlaganfälle und einen Hauptschlagaderriss. „Dass ich überlebt habe, gleicht einem Wunder und ist auch meiner Mutter zu verdanken. Dass sie da war, hat mir das Leben gerettet“, resümiert Steffi heute, knapp zweieinhalb Monate nach dem Vorfall.

Zwei Wochen lag die 32-Jährige auf der Intensivstation. Für ihren Mann Patrick und den fünfjährigen Sohn Jayden war diese Zeit, eine Zeit des Bangens und Hoffens. „Als Steffi aufwachte, fragte sie nach ihrem Handy – und ich wusste, dass alles gut werden würde“, erzählt Patrick. Nach dem Krankenhausaufenhalt musste Steffi zur Reha.


Von einer Sorge in die nächste


„Drei Tage vorher, erreichte mich die nächste Hiobsbotschaft: Unsere Wohnung war ausgebrannt. Dabei hatte ich schon genug mit mir zu tun“, sagt Steffi. „Unser Sohn hatte mich gerade erst gefragt, was passiert, wenn es bei uns brennt. Ich habe ihm versprochen, dass das nicht passieren wird – und dann stand ich plötzlich zwischen all den verbrannten Sachen, zwischen verkohlten Erinnerungen und persönlichen Dingen“, ergänzt Patrick. Besonders makaber: Steffi und Patrick engagieren sich in der freiwilligen Feuerwehr.

Hilfe bekam die Familie von den eigenen Kameraden, von Freunden, aber auch von Thomas Ratzlaff von der Rostocker Stadtmission. Ratzlaff leitet das Sozialkaufhaus in Lütten Klein. Seine Frau ist Arzthelferin in der Praxis, in der Steffi in Behandlung ist und machte ihn auf das Schicksal der Familie aufmerksam. „Sie fragte mich, ob wir nicht mit ein paar Möbel aushelfen könnten“, erinnert sich Ratzlaff. „Ein Kinderzimmer für Jayden, einen Herd und einen Kühlschrank, eine Schlafcouch und einen Esstisch – mehr wollte die Familie nicht“, erzählt er.

Bis Steffi, Patrick und Jayden wieder in ihre alte Wohnung ziehen können, müssen die Brandschäden beseitigt werden. Die provisorische Übergangswohnung hat die Wohnungsgesellschaft Fides zur Verfügung gestellt. „Aber eben unmöbiliert“, so Ratzlaff. Vorher war die Familie in einer Ferienwohnung in Warnemünde untergebracht – bis die Touristen kamen. Auch bei der kommunalen Wohnungsgesellschaft Wohnen in Rostock (Wiro) hat Ratzlaff für eine Übergangswohnung angefragt. Doch vergebens: „Sie teilten mir mit, dass alle möbilierten Wohnungen über die Sommermonate vermietet seien“, erzählt er.

Für das Engagement, das Thomas Ratzlaff aufgebracht hat, sind Steffi und Patrick sehr dankbar: „Normalerweise hätten wir keinen Anspruch darauf, im Sozialkaufhaus einzukaufen. Und dennoch hat man uns so unkompliziert und schnell geholfen.“

In den nächsten Monaten muss sich die kleine Familie erholen und neue Kraft tanken. „Mein Gehirn macht gerade ein Update und baut sich wieder neu auf. Ich habe immer sehr viel gearbeitet, hatte sogar zwei Jobs. Nun will ich kürzer treten. Die letzten Wochen haben mir gezeigt, dass das Leben sehr schnell vorbei sein kann“, so Steffi. Bis Oktober können sie, Patrick und Jayden in der Übergangswohnung bleiben. Spätestens dann bekommt auch das Sozialkaufhaus die geliehenen Möbel zurück. „Wenn wir in Zukunft etwas übrig haben, werden wir immer an Thomas Ratzlaff denken“, so Steffi.


Immer auf Spenden angewiesen


Unter dem Dach der Rostocker Stadtmission gibt es zwei Sozialkaufhäuser, eins in Dierkow und eins in Lütten Klein. Angeboten werden in erster Linie gebrauchte oder gespendete Produkte wie Möbel, Elektrogeräte, Kleidung oder auch Bücher und Schallplatten. „Wir sind immer stark frequentiert. Es kommen junge Familien zu uns, aber auch Rentner, deren Geld einfach nicht reicht“, sagt Ratzlaff. Einkaufen können in den Sozialkaufhäusern in der Regel nur Menschen, die nachweislich ein geringes Einkommen haben. Dazu zählen Warnowpassinhaber, Sozialhilfe- oder Arbeitslosengeldempfänger, Rentner, Auszubildende oder Studenten. „Der Bedarf ist groß. Um helfen zu können, brauchen wir Spenden. Gerade was Technikartikel oder Möbel anbelangt, können wir der Nachfrage nicht gerecht werden“, betont der Sozialkaufhausleiter. Alle angebotenen Artikel werden für wenig Geld verkauft. „Ohne einen kleinen Obolus zu verlangen, können wir uns als Einrichtung selber nicht tragen. Finanzielle Unterstützung kriegen wir vonseiten der Stadt keine“, erklärt Ratzlaff. Damit geht er auf die Finanzspritze ein, die das Sozialkaufhaus Schmarler Lichtblick Mitte Mai von der Bürgerschaft bewilligt bekommen hat. 23 000 Euro hat die soziale Einrichtung erhalten, um die Personalkosten in diesem Jahr decken zu können. „Über einen Geldzuschuss würden wir uns auch freuen“, sagt Ratzlaff.

In seinem Sozialkaufhaus sind derzeit vier Festangestellte beschäftigt sowie zehn Personen, die sich in Arbeitsgelegenheiten wie Ein-Euro-Jobs befinden. Auch sechs ehrenamtliche Helfer packen regelmäßig mit an. „Vor Kurzem wurden uns zwei Autos geklaut. Das erschwert die Arbeit. Ein Auto ist mittlerweile wieder da, das andere wurde zu Schrott gefahren. Wir brauchen dringend ein kleines Auto.“ Auch wenn Ratzlaff immer mit Konflikten und schwierigen Schicksalen konfrontiert wird, liebt er seine Arbeit: „Wir sind nicht nur Verkäufer, wir sind Seelsorger, Ratgeber, Vertrauensperson und Vermittler. Unser Kaufhaus ist auch ein Treffpunkt. Es gibt Leute, die kommen jeden Tag her“, erzählt er. Manchmal seien die Besuche auch traurig. Erst vor einigen Wochen hätte sich ein Kunde verabschiedet: „Er sagte uns, dass er nicht mehr kommen könne, weil er bald sterben wird.“

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