Welche Art der Liebe ist erlaubt?

<strong>Wider die Natur?</strong> Josef Dvorák und die anderen Mitglieder des Tanztheaters lassen sich auf außergewöhnliche Beziehungen ein.<foto>Dorit Gätjen</foto>
Wider die Natur? Josef Dvorák und die anderen Mitglieder des Tanztheaters lassen sich auf außergewöhnliche Beziehungen ein.Dorit Gätjen

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15. März 2013, 09:17 Uhr

Kröpeliner-Tor-Vorstadt | Es wird das letzte Stück sein, das Bronislav Roznos als Chefchoreograf am Rostocker Volkstheater inszeniert. Am Sonnabend feiert das Tanztheater mit "Widernatürliche Liaison? Stories 4 Love" Premiere im Großen Haus. Und der Titel des Stückes verrät schon eine ganze Menge darüber, worum es gehen soll. Thematisiert werden Liebesbeziehungen, die abweichen von dem, was allgemein von der Gesellschaft anerkannt ist. Es geht darum, inwiefern diese Liebe akzeptiert wird - damals und heute. Vier Geschichten hat sich Roznos herausgepickt, um dieses Thema darzustellen. Zwei haben einen literarischen Hintergrund, zwei einen realen.

"Gerade in Europa hat sich viel getan in den vergangenen Jahrzehnten. Homosexuelle werden weitgehend akzeptiert", sagt Roznos. Trotzdem gebe es nach wie vor auch Vorurteile und in manchen Ländern, werde gleichgeschlechtliche Liebe sogar verfolgt. "Ich möchte kein Stück mit einem erhobenen Zeigefinger machen", sagt Roznos. "Aber wenn es mir gelingt, Menschen zum Nachdenken zu bewegen, dann bin ich zufrieden." Darum zeigt der Chefchoreograf mit seinem Ensemble vier Geschichten, die für sich selbst sprechen sollen.

Als Vorlage für das erste Bild diente die Novelle "Der Tod in Venedig" von Thomas Mann. Roznos versetzt die Geschichte in eine Ballettschule. Die Schönheit des in der Vorlage beschriebenen Tadzio wandelt Roznos um in perfektionierten Tanz: "Denn wie hätte ich den reinen Aspekt der äußerlichen Schönheit sonst darstellen können?" Ein älterer Mann, der den jungen Tänzer beobachtet, verliebt sich in ihn. Von seinen Gefühlen ist er hin und her gerissen. Das zweite Bild hat den Roman "Lolita" von Vladimir Nabokov zum Vorbild. Die Geschichte des jungen Mädchens, das dem älteren Mann den Kopf verdreht, sich seiner Macht über den Mann bewusst wird und ihn auszunutzen beginnt, ist mittlerweile über den Roman hinaus zu einem Begriff geworden. Hier ist es vor allem der Altersunterschied, der von der Gesellschaft oft als unangemessen angesehen wird.

Schließlich ist der große Renaissance-Maler Michelangelo Inspirationsquelle für Roznos gewesen. Aufgrund zahlreicher Sonette, darunter einige mit Widmung an Tommaso Cavalieri, gibt es Spekulationen darüber, dass der Künstler eine Liebesbeziehung mit seinem 30 Jahre jüngeren Schüler führte. Die Partie des Michelangelo wird Roznos selbst tanzen - eine seltene Gelegenheit für das Rostocker Publikum, denn bislang hat es den Leiter des Tanztheaters erst einmal, in "Ragtime", auf der Bühne erleben können.

Die siamesischen Zwillinge Daisy und Violet Hilton bilden den Hintergrund für das letzte Bild im Stück. Sie lebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, waren an Hüfte und Gesäß zusammengewachsen und brachten die Menschen zum Staunen. Ihre Lebensgeschichte ist im Grunde eine absolut tragische.

Was das Bühnenbild anbelangt, setzt Robert Schrag bei "Widernatürliche Liaison?" auf extreme Reduktion. So extrem, dass es kaum ein Bühnenbild gibt. Der Zuschauer blickt auf die nackte Rückwand des Bühnenraums, hat freie Sicht in die Seitenräume und hantierende Techniker. Horrizontal hängende Stangen, die per Seilzug immer wieder in neue Positionen gebracht werden, schaffen Räume und Abgrenzungen. "Ich fand die Idee toll, weil sie das verstärkt, was ich im Stück ausdrücken will", sagt Roznos. Denn Voyeurismus, das ständige Beobachtetsein in privaten und intimen Momenten gehöre dazu, wenn jemand eine Liebesbeziehung führt, die anderen außergewöhnlich erscheint. Premiere: Sonnabend, 19.30 Uhr, Großes Haus; weitere Termine: 21. und 30. März um 19.30 Uhr, 19. und 27. April um 19.30 Uhr

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