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Ländliche Regionen häufig ohne Klinikbetten für Kinder : Weite Wege für kurze Beine

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In MV werden die Wege für kranke Kinder zur nächsten Fachklinik weiter. In vielen Landkreisen und kreisfreien Städten hat die Zahl der Kinderkrankenbetten in den vergangenen Jahren drastisch abgenommen.

Schwerin | In Mecklenburg-Vorpommern werden die Wege für kranke Kinder bis zur nächsten Fachklinik immer weiter. In mehreren Landkreisen und kreisfreien Städten hat die Zahl der Krankenhausbetten in der Kinderheilkunde je 10 000 Kinder in den vergangenen Jahren abgenommen, wie eine aktuelle Statistik zeigt. Vorpommern ist von dieser Entwicklung stärker betroffen als Mecklenburg. In den Landkreisen Nordwestmecklenburg, Bad Doberan und Mecklenburg-Strelitz gibt es gar keine Betten für die Pädiatrie. Experten schlagen Alarm und fordern innovative Lösungen für eine bessere Erreichbarkeit der großen Kliniken.

"Wenn die Kleinen kollabieren, muss es schnell gehen"

Der Statistik zufolge ist MV zwar mit 25 Betten je 10 000 Kinder im Bundesvergleich noch relativ gut ausgestattet - mit 151 Betten pro 10 000 Kinder liegt Greifswald sogar bundesweit an der Spitze. Da die Zahl der Kinder und Jugendlichen im Land in den vergangenen Jahren geschrumpft ist, wurde die Quote jedoch in die Höhe getrieben. Spezialisierung und Zentralisierung gingen außerdem zu Lasten der Erreichbarkeit. "Es gibt so große weiße Flecken in ländlichen Regionen, dass Leben gefährdet sind", warnt Julia von Seiche-Nordenheim, Vorsitzende des Aktionskomitees Kind im Krankenhaus (AKIK). Nur weil es weniger Kinder gebe, dürften die Wege zur Behandlung nicht länger werden. Insbesondere kleine Kinder hätten noch keine gute Körperwahrnehmung und unterdrückten Schmerzen und Unwohlsein deshalb so lange wie möglich. "Wenn es dann so schlimm ist, dass sie kollabieren, muss es schnell gehen", sagt von Seiche-Nordenheim. AKIK setzt sich deshalb für eine maximale Entfernung von höchstens 40 Kilometern und 40 Minuten zur nächsten Station für Kinderheilkunde ein.

Gerade in ländlichen Regionen sieht die Realität jedoch anders aus, wie Professor Wolfgang Hoffmann vom Institut für Community Medicine der Universitätsmedizin Greifswald untersucht hat. Vor allem dann, wenn kleine Patienten und ihre Familien auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. In einigen Regionen wie beispielsweise rund um Woldegk (Landkreis Mecklenburg-Strelitz) sei der Hin- und Rückweg zur Behandlung per Bus nicht an einem Tag zu schaffen, sagt Hoffmann. Hier sei immerhin ein Politprojekt für ein zentrales Gesundheitshaus geplant. Was das Land aber weiterhin benötige, sei eine Modellregion für die Kinderheilkunde. Hier könne ebenfalls ein stärkerer Einsatz von Gemeindeschwestern erprobt werden, die bei Hausbesuchen auch die Grundlagen für Telemedizin einrichteten. Auch müssten neue Möglichkeiten für den Transport zum Arzt wie Patientenbusse geschaffen werden. Als Standort für das Modell sei die Region rund um Anklam denkbar, sagt Hoffmann. Befürchtungen wegen einer möglichen Schließung der Kinderstation in der Stadt teilt er nicht. Die Betten würden gebraucht. Man müsse allerdings schauen, wie man das Vorhandene mit neuen Methoden ergänzen könne.

Auslastung ist bundesweit gestiegen

"Die Kassenärztliche Vereinigung ist jetzt gefordert, damit die traditionelle Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung nicht mehr so starr ist", appelliert Hoffmann an die Einrichtung der ärztlichen Selbstverwaltung. Schwierig sei allerdings noch, dass der Privatisierungstrend im Gesundheitswesen das Problem der Unterversorgung auf dem Land generell vergrößere, meint der Mediziner.

Zwischen 2004 und 2009 wurden in Deutschland mehr als 1600 Betten in Kinderkliniken und auf Kinderstationen abgebaut. Die Auslastung in den Kinderabteilungen stieg nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hingegen von rund 910 000 auf über 960 000 pro Jahr.

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erstellt am 20.Jun.2011 | 04:16 Uhr

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