Ostsee-Plantage : Weihnachtstannen gehen online

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Stress auf der Plantage: Der Hof Ostseetanne zählt zu den größten Produzenten im Osten.  Fotos: Volker Bohlmann
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Stress auf der Plantage: Der Hof Ostseetanne zählt zu den größten Produzenten im Osten. Fotos: Volker Bohlmann

Die größte Weihnachtsbaumplantage in MV liefert 60 000 Bäume für Deutschlands Wohnzimmer. Das Gute: Trotz Dürre bleiben Preise stabil.

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23. November 2018, 20:00 Uhr

1,80 bis 1,90 Meter groß, gleichmäßig im Umfang, gut bestückt und proportioniert, unten etwas ausladend, jung an Jahren, und seit Neuestem gern auch nur mit einem Meter Wuchshöhe – Traummaße im Wald, Auflauf in Mecklenburg-Vorpommern größter Weihnachtsbaumplantage.

Baum um Baum, einer wie der andere, ohne Makel: Ergebnis jahrelanger Pflege, meint Benedict Schneebecke – pflanzen, vom Unkraut freihalten, düngen und mit jeder Menge Handarbeit in Form bringen. Jedes Jahr aufs neue werde jedes Bäumchen begutachtet und beschnitten. Nicht jeder Baum wachse von Natur aus gleichmäßig, erklärt der Chef des Plantagenbetreibers Ostseetanne in Alt Steinhorst nahe Ribnitz-Damgarten. Viele müssten beschnitten werden. Die Kunden wollten es so, meint Schneebecke – Riesenaufwand und zwölf Jahre Wachstum für ein, zwei Wochen Weihnachtsatmosphäre. Fünf Wochen vor dem Fest brummen für Schneebecke und seine in der Saison bis zu 40 Mitarbeiter auf den Baumplantagen die Geschäfte.

Tanne per Internet: Annett Wengorz und Grzegorz Szneykowski bereiten die Bäume für den Versand vor.
Tanne per Internet: Annett Wengorz und Grzegorz Szneykowski bereiten die Bäume für den Versand vor.

Baumschlagen im Akkord: Auf 130 Hektar wachsen rund um Schneebeckes Hof die Festbäume für Deutschlands Wohnzimmer – 6000 auf jedem Hektar. Nach sechs Jahren würden die ersten geerntet. Städter mit kleinen Wohnungen, Ältere oder auch Alleinstehende würden sich immer öfter kleine Bäumchen mit nur einem Meter Größe ins Zimmer stellen, erklärt der Jäger und Baumfreund, der vor Jahren den Job als Jurist mit dem Plantagenbetrieb tauschte, und schickt die nächste Palette mit bis zu 200 kleinen Bäumen auf die Reise. 70 Prozent seiner Bäume warten in Gartencentern, Baumärkten sowie bei Straßenhändlern in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin und darüber hinaus auf Kunden, 30 Prozent an den 25 eigenen Verkaufsständen – von Schwerin und Rostock bis Berlin und Greifswald.

Deutschlands Weihnachtsbäume kommen aus MV

Der neueste Trend: die Online-Tanne zum Fest. „Läuft gut“, meint der 38-Jährige. Seit drei Jahren biete er seine Bäume auch im Internet an – gemeinsam in Online-Shop von „Karls Erlebnishof“ im nahen Rövershagen. Der Verkauf wachse kontinuierlich – 40 am Tag, zur Hochzeit Mitte Dezember sogar bis zu 300, an Kunden in ganz Deutschland. Gerade haben Schneebeckes Mitarbeiter Annett Wengorz und Grzegorz Szneykowski wieder eine Nordmanntanne in dem grünen Versandkarton verpackt – morgens bestellt, frisch geerntet und wie jeden Abend für den Versand vorbereitet.

Verkauft Tausende Weihnachtsbäume: Benedikt Schneebecke
Verkauft Tausende Weihnachtsbäume: Benedikt Schneebecke

Und doch bleibt der Online-Verkauf noch ein Nischengeschäft: Gut 25 Millionen Bäume – bis zu 60 000 allein aus Alt Steinhorst – stellen sich die Deutschen der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zufolge in jedem Jahr zum Fest ins Zimmer. „Da ist im Online-Geschäft noch viel Luft nach oben“, sagte der Fachmann. Bis zu drei Prozent der Festbäume werden laut Bundesverband der Weihnachtsbaumerzeuger im Netz bestellt. Es entwickelt sich: 1a-Ware für Kunden, denen das Schleppen der Bäume zu beschwerlich sei und Verbraucher, die sonst gar keinen Baum aufgestellt hätten, sei der Online-Einkauf eine Alternative – neue Kunden für Schneebecke.

Dürre hat Weihnachtsbaumplantage in MV nicht geschadet

Ein Millionengeschäft: Für fast die Hälfte der bundesweit mehr als 40 Millionen Haushalte gehört ein Weihnachtsbaum zum Fest dazu. Auf bis zu 50 000 Hektar werden die Tannen in Deutschland von rund 4000 Produzenten angebaut, vor allem in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen – mit einem Jahresumsatz der Branche von fast 700 Millionen Euro, rechnet die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Das ist es wert, angesichts der vielen Handarbeit, meint Schneebecke. Für einen Blumenstrauß würden die Kunden schließlich auch reichlich Geld ausgeben. Dabei gibt es die Bäume zum Fest in diesem Jahr zu nahezu stabilen Preisen, im Schnitt bis 19 Euro je Meter, trotz Trockenheit und Dürre in den Plantagen.

Die größeren Bäume hätten den Witterungsstress in diesem Jahr noch gut überstanden – die kleineren nicht. Gut ein Fünftel der Neuanpflanzungen habe er verloren, niedersächsische Kollegen gar bis zu 70 Prozent, erklärt Schneebecke. Mit Folgeschäden: So müssten neue Pflanzen gekauft und mit der Hand nachgepflanzt werden. Das wirft Schneebecke nicht zurück: Weihnachtsbäume sind sein Geschäft. Als Junge half er dem Vater, als Student verdiente er sich auf den Plantagen etwas dazu, jetzt zählt er selbst Tausende Bäume. Einen davon stellt er sich dann zum Fest auch ins eigene Wohnzimmer – traditionell, rötlich geschmückt.

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