zur Navigation springen

Bauern bangen um Existenz : Ware für Russland drückt auf hiesigen Markt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Im Gespräch mit Jarste Weuffen, Geschäftsführerin des Vereins Agrarmarketing Mecklenburg-Vorpommern

svz.de von
erstellt am 30.Sep.2014 | 06:00 Uhr

Unruhe und Sorgen bei den Bauern in Mecklenburg-Vorpommern. Zwar können sie mit den Erträgen in diesem Jahr zufrieden sein, fürchten jedoch um einen Absatz der Waren zu einem guten Preis. Die Beschränkungen des Handels mit Russland mache sich schon jetzt auf dem Markt bemerkbar, sagt Jarste Weuffen. Dietmar Tahn hat die Geschäftsführerin des Vereins Agrarmarketing Mecklenburg-Vorpommern (AMV) mit Sitz in Bentwisch befragt.

Die Ernte 2014 ist zu einem Großteil abgeschlossen. Wie zufrieden können die Bauern im Land sein?

Jarste Weuffen: Noch ist die Ernte nicht abgeschlossen, aber man kann sagen, dass eine gute Ernte eingefahren wird. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr war es dieses Mal nicht zu nass und nicht zu heiß, sodass die Bauern ertragsseitig eigentlich zufrieden sein könnten.

Hohe Erträge sollten die Bauern doch eigentlich froh stimmen und die Verbraucher erst recht. Worauf bezieht sich Ihr eigentlich?

Hohe Erträge sind etwas Positives. Da zumeist auf der Basis von Kontrakten gearbeitet wird, ist der Absatz zunächst gesichert. Aber was passiert, wenn von außen plötzlich Ware auf den Markt strömt, die bis um die Hälfte billiger ist? Die Preise zwischen Handel und Produzent werden wöchentlich ausgehandelt. Wie kann man am Markt gegen den Preisverfall bestehen? Die Kosten für die Produktion der zu liefernden Ware sind bereits angefallen, also unbeeinflussbar.

Wie stark sind Bauern aus Mecklenburg-Vorpommern von den Handelsbeschränkungen betroffen?

Dazu können zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine seriösen und belastbaren Aussagen gemacht werden. Ich rechne mit den ersten Zahlen zum Jahresende beziehungsweise Jahresanfang 2015. Aber die Angst vor Einbußen ist da, denn unser Markt wird durch den Wegfall des EU-weiten Handels mit Russland überflutet.

Wie kann das Agrarmarketing Mecklenburg-Vorpommern den Bauern helfen?

Wir appellieren an die Verbraucher, einheimisches Obst und Gemüse zu kaufen. Einheimisch bedeutet in erster Linie Ware aus Mecklenburg-Vorpommern, aber auf jeden Fall Ware aus Deutschland. Der AMV unterstützt den Aufruf, täglich einen Mecklenburger oder deutschen Apfel mehr zu essen. Das dient dem Absatz und ist zusätzlich der Gesundheit förderlich.

Kann die Situation für einige Betriebe so dramatisch werden, dass es sogar um Existenzen geht?

Ich schließe das nicht aus. Der Geschäftsführer des Deutschen Fruchthandelsverbandes, Andreas Brügger, hat berichtet, dass im Jahr 2013 EU-weit 2,3 Millionen Tonnen Obst und Gemüse nach Russland exportiert worden seien, dies sei Ware im Wert von 1,9 Milliarden Euro. Ich sehe eine große Gefahr für unsere Unternehmen in der gesamten Branche Agrar- und Ernährungswirtschaft. Denn nicht allein der Wegfall des eigenen Exportmarktes ist das große Problem, viel schlimmer wiegt, dass nun die ursprünglich für den russischen Markt gedachte Ware zu Niedrigpreisen auf den deutschen Markt strömt.

Was raten Sie Verbrauchern, die sich ja grundsätzlich über niedrige Preise freuen?

Ich verstehe, dass Verbraucher günstig einkaufen wollen, oft auch müssen. Sie sollten nicht zum Buhmann gemacht werden. Auch der Handel verfährt nach seinen Leitsätzen und kauft so ein, dass er dem Verbraucher attraktive Preise bieten kann. Leider gibt es auf Seiten der Anbieter aus dem EU-Raum Preisangebote, die aus deutscher Sicht inakzeptabel sind. Wir befinden uns auf einem getriebenen Markt, der mit Preisverfall einhergeht. Neben Obst und Gemüse werden in Kürze weitere Produkte betroffen sein. Ich rate allen Verbrauchern, einen Schritt weiter zu denken. Es geht darum, mit dem eigenen bewussten Einkauf einen Beitrag dazu zu leisten, dass Betriebe am Leben bleiben und Arbeitsplätze gesichert werden. Denn nur eine starke Wirtschaft kann die Basis für eine erfolgreiche Entwicklung im Land sein.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen