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Norddeutsche Neueste Nachrichten

20. August 2017 | 15:39 Uhr

Literatur : Vorlesen weckt Erinnerungen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Käte Walter hat zusammen mit dem Schriftsteller Uwe Johnson studiert und beteiligt sich am „Jahrestage“-Projekt.

An dem Holztisch mit dem kleinen schwarzen Lesepult darauf nimmt Käte Walter Platz. Peter Grützmann richtet für sie noch einmal das Mikrofon. „Ist es gut so?“, fragt er. Käte Walter rückt näher an die Tischkante. „Ja, so geht es.“ Die Kopfhörer, die sie aufgesetzt hat, scheinen fast zu riesig für die kleine Frau. Doch sie sind nötig. Nur so wird sie später hören können, wenn Aufnahmeleiter Peter Grützmann aus dem Nebenraum zu ihr spricht. Dann wird die Tür geschlossen und Käte Walter vertieft sich in den Text von Uwe Johnson, den sie heute für das Projekt „Eine Stadt liest ,Jahrestage’“ einlesen will. Dazu ist sie extra nach Marienehe ins Tonstudio Petemusik gekommen.

„Bei Johnson kann ich vorlesen, was ich will. Überall kommen Erinnerungen hoch“, sagt die 81-Jährige. Nicht nur, dass die Rostockerin und der Schriftsteller einige Erfahrungen miteinander teilen. Ihre Lebenswege haben sich in Rostock sogar gekreuzt. Käte Walter erinnert sich noch gut an den jungen Studenten Johnson, der mit ihr zusammen 1952 dieselbe Seminargruppe im Fach Germanistik an der Universität Rostock besuchte. „Ich habe ihm das Zimmer in der St.-Georg-Straße besorgt, in dem er gewohnt hat“, erinnert sich Käte Walter. Und dort war es auch, wo Johnson sie und ihren späteren Ehemann einander vorstellte. Johnson und Axel Walter waren in Güstrow zusammen zur Schule gegangen. In Rostock trafen sie sich wieder.

Für ihre Aufnahme hat sich Käte Walter das Tageskapitel des 9. August 1968 ausgesucht. Die Protagonistin Gesine Cresspahl ist nach Prag abgeordert worden. Dort trifft sie ihre Freundin Anita, die von Gneez und Jerichow berichtet. „Das wird hübsch beschrieben“, sagt Käte Walter. Beispielsweise gefalle ihr die Stelle, an der es heißt, dass zu einem Brötchen nur zehn Gramm Butter verkauft werden dürfen.

Käte Walter liest mit ruhiger Stimme. Die kunstvolle Sprache und die anspruchsvollen Sätze Johnsons meistert sie weitgehend auf Anhieb. „Die Stelle bitte noch einmal“, unterbricht Peter Grützmann dann doch. Es hat ein bisschen geraschelt. Über die Kopfhörer kann er das ganz genau ausmachen und rausschneiden lässt sich so ein Geräusch nur bedingt. Also setzt Käte Walter noch einmal an, diesmal raschelt das Papier nicht.

Lange blieb Johnson nicht an der Uni Rostock. Schon im Mai 1953 geriet er in einen Konflikt mit der SED-Leitung der Hochschule. Auch daran erinnert sich Käte Walter noch. Sie war Mitglied in der Jungen Gemeinde, die von den Offiziellen mehr und mehr bedrängt wurde. Die Mitglieder hätten nicht so richtig gewusst, wie sie sich dagegen wehren sollten. „Und dann kam er“, erinnert sich Käte Walter. „Und er konnte so schön reden – damals schon.“ Johnson habe sich geweigert, eine Rede gegen die Junge Gemeinde zu halten. Mehr noch, bei einer Veranstaltung der Philosophischen Fakultät sprach sich Johnson deutlich für die Junge Gemeinde aus und forderte die Einhaltung der Rechte auf Meinungs- und Religionsfreiheit. Bei der Universitätsleitung kam das gar nicht gut an. Johnson wurde der Hochschule verwiesen. Zwar musste der Ausschluss später, besonders im Zusammenhang mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953, wieder zurückgenommen werden. Johnson wechselte ein Jahr später dennoch die Universität und studierte ab Herbst 1954 in Leipzig. 1959 zog Johnson nach West-Berlin.

Käte Walter blieb in Rostock. Nach dem Studium arbeitete sie eine Zeit lang in der Universitätsbuchhandlung bei Konrad Reich. Dann gab sie ihren Beruf jedoch auf. „Ich habe einen Pastor geheiratet. Als Pfarrersfrau hatte man keine Chance und als Germanistin schon gar nicht“, sagt sie heute. Die Leidenschaft für das Lesen und Vorlesen ist geblieben. Dass sie beim Projekt „Eine Stadt liest ,Jahrestage’“ mitmacht, lag darum nahe. Dennoch hat Käte Walter lange überlegt, bevor sie sich schließlich anmeldete.

Schon ein Großteil der Tageskapitel ist vergeben und wird nun nach und nach eingelesen. Dennoch suchen die Organisatoren der Uwe-Johnson-Gesellschaft weiter Freiwillige. „Es beteiligen sich ganz unterschiedliche Leute, das Spektrum ist breit“, sagt Ole Landschoof, der zu den fünf Projektbetreuern gehört. Studenten und Anwälte, einmal sei sogar eine Bäuerin aus Kiel zum Vorlesen gekommen. Mitmachen kann jeder, der Spaß an Johnson und am Vorlesen hat.

Anmeldung: www.rostock-liest.de

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erstellt am 24.Apr.2014 | 06:00 Uhr

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