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17. Oktober 2017 | 00:05 Uhr

Von Pontius zu Pilatus laufen

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erstellt am 21.Apr.2011 | 01:10 Uhr

Pontius Pilatus, so heißt es etwa im Matthäus-Evangelium, hatte die Gewohnheit, an Festtagen einen Gefangenen zu begnadigen. Im Jesus-Prozess zum jüdischen Passah-Fest überließ er allerdings dem Volk die Wahl, wer frei kommen sollte. Die Schaulustigen konnten sich zwischen Barrabas, der mit Vornamen auch Jesus hieß, und „Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus“, entscheiden. Die Menschen wählten Barrabas, den Räuber.

Dass Jesus Christus den Foltertod am Kreuz sterben musste, daran erinnern Christen am Karfreitag vor dem Osterwochenende, so auch gestern.
Die Redewendung „von Pontius zu Pilatus laufen“ geht auf diess Geschehen aus der Bibel zurück, von dem die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes berichten.

Wie also kann man von Pontius zu Pilatus laufen, wo dieser doch nur eine Person war? Vielleicht deswegen: Jesus wurde als Gefangener vom Verhör vor dem Rat der Priester und Ältesten zu Pilatus geführt. Als der von Jesus hörte, dass er aus Galiläa sei, schickte ihn Pilatus zu Herodes als dem für Galiläa zuständigen „Richter“. Doch Herodes sandte den Gefangenen schließlich wieder zu Pilatus zurück (Lukas 23).

Dieses erfolglose Hin und Her von einer Instanz zur anderen, um dann doch wieder am Ausgangspunkt anzukommen, nämlich bei Pontius Pilatus, ist der Grund für den erst mal etwas seltsam anmutenden Gebrauch dieser Redewendung. Übrigens ist es in Dänemark nicht ganz so kompliziert. Dort heißt es nämlich – ins Deutsche übersetzt – „einen von Herodes zu Pilatus schicken“.
Auch viele andere Redewendungen haben ihren Ursprung in der Bibel – und die meisten Menschen verwenden sie, ohne es zu wissen.

Als Martin Luther vor fast 500 Jahren in nur elf Wochen die Bibel übersetzte, legte er damit einen wichtigen Grundstein für die deutsche Sprache. „Man muß die Mutter im Haus, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen; so verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet“, schrieb er im „Sendbrief vom Dolmetschen“ (1530). Die Inhalte der Bibel wurden dann über Jahrhunderte hinweg ständig zitiert, die „Biblizismen“ Teil der Alltags-Sprache.

Im „siebten Himmel“Jörg Buchna, ehemaliger Öffentlichkeitspastor der hannoverschen Landeskirche in Ostfriesland und Buchautor, hat sich 2003 auf die Suche nach Sprachschätzen gemacht und das erste Buch einer Trilogie zu biblischen Redewendungen veröffentlicht. Er kennt die Herkunft vieler Redensarten.

Wer sich beispielsweise vor Liebe oder Verzückung im „siebten Himmel“ wiederfindet, weiß oft nicht, dass seine Aussage eigentlich auf den Apostel Paulus zurückgeht. Dieser befand sich zwar nur im dritten Himmel, die Redewendung ist aber auf diese Bibelstelle (2. Korintherbrief 12,2-4) zurückzuführen.

„Vom Scheitel bis zur Sohle“Und wenn einem dann sein Gegenüber „vom Scheitel bis zur Sohle“ gefällt, bezieht sich das eigentlich auf Abschalom aus dem zweiten Buch Samuel, der „vom Scheitel bis zur Sohle“ ohne Makel war (2. Buch Samuel, Kapitel 14, 25). Auch das „Tohuwabohu“ stammt aus der Bibel: Der hebräische Ausdruck heißt „wüst und leer“ – so sah die Erde anfangs aus, heißt es in der Schöpfungsgeschichte (Genesis/1.Mose 1,2).

„Wer andern eine Grube gräbt“Die Deutsche Bibelgesellschaft in Stuttgart listet noch zahlreiche andere bekannte Redewendungen auf. Dazu gehören etwa „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ (Sprüche 26,27), „Hochmut kommt vor dem Fall“ (Sprüche 16,18) oder auch „Alle Wasser laufen ins Meer“ (Prediger 1,7).

Buchna zählt die biblischen Ausdrücke zum „Tafelsilber unseres Sprachschatzes“. Der Verlust der Kenntnis über ihren Ursprung bereitet ihm Sorgen. Er wirbt in Zeiten von Twitter und SMS dafür, „Redewendungen, die noch Inhalte transportieren, zu bewahren und sie nicht zu leeren Worthülsen verkommen zu lassen“. Es lohne sich, den Ursprüngen einmal nachzugehen.
„Die Leviten lesen“Manchmal merkt man dabei auch, wie sich die Bedeutungen verschieben. Heute bedeutet etwa „jemandem die Leviten lesen“ „jemanden streng zurechtweisen oder tadeln“. Diese Redewendung leitet sich aus dem 3. Buch Mose (Levitikus) ab. Dort sind Verhaltensregeln für die Leviten – so wurden im alten Israel die Priester genannt – niedergeschrieben, die sich von Opferregeln bis hin zu Anweisungen für das alltägliche Leben und den Umgang miteinander erstrecken.

Werden einem also die Leviten gelesen, so geht es also eigentlich um die dort niedergeschriebenen Regeln.

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