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Leben : Vom Verfolgten zum Schützenden: Der Weg des Jonas Dogesch

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Verteidiger der Arbeiterrechte flieht vor türkischen Behörden / Drei Jahre fühlte er sich wie im Gefängnis

Der Erste, den die Innenstadtgemeinde ins Asyl aufgenommen hat, war Imam-Jonas Dogesch im Jahr 2000. Dreieinhalb Jahre verbrachte er im Kirchenasyl – seinem „selbstgewählten 16-Quadratmeter-Gefängnis“, wie er sagt. Sobald Dogesch rausgegangen wäre, hätten ihn die Behörden mitnehmen müssen. Also blieb er im Zimmer, stand jeden Morgen auf, ging jeden Abend ins Bett. „Man muss sich strukturieren“, sagt er, bewegen und für Beschäftigung sorgen.

Die Gemeinde habe ihm sehr geholfen, Mitglieder der Evangelischen Studentengemeinde besuchten ihn oft. „Kirchenasyl bedeutet für mich, dass ich hier sein, leben und mich in MV für die Rechte der Migranten einsetzen kann“ – wie er es heute tut. Doch die Zeit war schwer – wie eine Maus im Käfig mit einem Gefängnis im Kopf hat er gelebt. Draußen drohte die Abschiebung in die Türkei, für Dogesch eine große Gefahr. Dort hatte der Kurde, Kaufmann und Journalist sich in der Arbeiterbewegung engagiert – ganz zum Missfallen des Staates. Er wurde festgenommen, gefoltert, ihm wurde vorgeworfen, Mitglied einer illegalen Organisation zu sein. 15 Jahre Gefängnis stünden für ihn aus, wenn er zurückgeht, sagt er. Das habe das Staatssicherheitsgericht gefordert. Dogesch floh nach Deutschland, gab seine Heimat auf, ließ seine Kinder zurück, seine Familie, seine Eltern, die ihn im Asyl finanzierten, sein bisheriges Leben.

Er kam in Frankfurt am Main an, sprach kein Deutsch und schon gar nicht das der Behörden. In Detmold im Asylbewerberheim wurde er untergebracht und erfuhr nach einiger Zeit in Deutschland von einem Sozialarbeiter: Antrag auf Asyl abgelehnt. Um drei Uhr morgens holen sie dich und schieben dich ab. Ein Kind, das der Mann mitgebracht hatte, übersetzte es Dogesch. Es war für fast alles zu spät. Der Brief, der es ihm hätte vorher mitteilen sollen, war nie angekommen. Die Ausländerbehörde ließ nicht mit sich über Aufschub reden, der Anwalt, den er mithilfe eines Landsmannes fand, konnte den Widerspruch nicht rechtzeitig geltend machen. Dogesch floh. Er wollte den Prozess führen, um irgendwann frei zu leben, statt für ein vermeintliches Verbrechen, das er nicht begangen hatte, ins Gefängnis. Er kam nach Rostock, ins Rostock nach Lichtenhagen. Hier, dachte er, wären die Menschen wachgerüttelt von den schlimmen Ereignissen. Das lokale Büro von Amnesty International bahnte ihm den Weg zur Gemeinde. Er bat um Kirchenasyl. 15 Tage dauerte es bis zur Entscheidung, Dogesch tauchte unter. Dann die Erlösung: Ja, er durfte im Februar 2000 ins Asyl.

Doch das Trauma des Erlebten nahm er mit. Auch heute: wenn er von der Folter spricht, färben sich seine Augen dunkler, trüber, sacken tiefer. 2003 war ihm sein Leben nicht mehr viel wert. „Doch ich wollte nicht, dass sie denken: einer weniger.“ Und er wollte die, die ihm geholfen haben, nicht enttäuschen. Er riskierte viel, ging raus, ins Rathaus: „Ich brauche eine Therapie“, verkündete er. Der damalige Ausländerbeauftragte war geschockt, in welche Gefahr er sich brachte. Doch Dogesch’ Mut war auch seine Rettung. Eine Psychologin attestierte ihm die schwere Belastungsstörung. Als dadurch nicht Reisefähiger wurde er in Deutschland geduldet. Das Verfahren kam wieder in Fahrt. Es dauerte noch Jahre. 2011 in Schwerin gewann Dogesch seinen Prozess. Er bekam als politisch Verfolgter eine Aufenthaltserlaubnis. Heute ist er Deutscher. „Ich bin Rostocker“, sagt er stolz.

Heute ist er Übersetzer, auch für die Polizei und ehrenamtlich für Flüchtlinge. Seit fünf Jahren ist er im Migrantenrat, seit zwei Jahren Sprecher von Migranet und bei Rostock Nazifrei. „Ich versuche, meine Erfahrungen einzusetzen – für ein friedliches Miteinander.“ Mit seinen Kindern ist Dogesch seit 2004 wieder vereint. Sie kamen mit seiner Ex-Frau – um bei ihm zu sein. Sein Sohn macht Abitur. Seine Tochter beginnt ein Studium.

 

 

 


 

 

 

 

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