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Norddeutsche Neueste Nachrichten

18. Dezember 2017 | 19:18 Uhr

Vom Turm aus die Schifffahrt im Blick

vom

svz.de von
erstellt am 27.Dez.2012 | 05:55 Uhr

Rostock | Die Korvette "Erfurt" läuft gerade in Warnemünde ein. Die Scandlines-Fähre "Prins Joachim" nimmt Kurs auf Gedser. Vor der Mole wartet das Forschungsschiff "Prof. Penck", um dann den Neuen Strom anzusteuern. Vom Liegeplatz 13 im Seehafen wird eine Verholung angekündigt. Im "Blauen Wunder", wie das Gebäude an der Warnow-Mündung auf der Hohen Düne seit vielen Jahren im Volksmund genannt wird, laufen die Fäden für den Schiffsverkehr zusammen. Hier ist der Sitz der Verkehrszentrale Warnemünde.

"Zu unseren Aufgaben gehören die Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs", erklärt Kapitän Klaus-Peter Nitsch, der Leiter der Verkehrszentrale, Mitgliedern der Deutschen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft (DVWG) bei einer Stippvisite auf dem Turm. Seit September 2009 ist er hier der Chefnautiker. Seine Crew, das sind gegenwärtig sechs Nautiker vom Dienst sowie 18 Assistenten, insgesamt 24 Kapitäne, die rund um die Uhr jährlich etwa 45 000 Schiffe im Blickfeld haben.

Vom Leuchtfeuer Buk bis zum Stettiner Haff

Ihr Verantwortungsbereich reicht vom Leuchtfeuer Buk bis zum Stettiner Haff, seit 2005 werden von Warnemünde aus auch die Hafenzufahrten nach Stralsund, Wolgast und Sassnitz überwacht. Wismar ist dagegen Lübeck-Travemünde zugeordnet, wo gegenwärtig ein Neubau eingerichtet wird. Diese Zentrale wird so als Erste modernisiert, aber auch in Warnemünde sind die ersten neuen Technik-Schränke bereits zu sehen, wie Nitsch den Verkehrsexperten zeigen kann. Die Technik wird küstenweit vereinheitlicht.

Er macht zunächst mit dem Gebäude näher bekannt. 1970 war das "Blaue Wunder" als Ersatzbau für die alte Warnemünder Lotsenstation errichtet und nach der Wende parallel zum Ausbau der Hafenzufahrt bis 1998 verjüngt worden. In der sechsten Etage haben die Nautiker ihre Arbeitsplätze. Daneben befinden sich Technikräume sowie Büros, Wach- und Ruheräume für Lotsen und Lotsbootfahrer im Gebäude. Im Erdgeschoss hatte eine Weile auch das Seeamt seinen Sitz, zog inzwischen aber mit seinen veränderten Aufgabenstellungen nach Kiel um.

Vom Turm wird das Seegebiet bis hin zur Kadetrinne mit dem automatischen Identifikationssystem (AIS) beobachtet. Das hilft den Nautikern in der Verkehrszentrale die Schiffe und deren individuelle Daten zu erfassen. Sie überwachen im Schichtdienst die Hafenzufahrten. Dabei geben sie Verkehrsinformationen, Verkehrsunterstützung und Verkehrsregelungen an die Schifffahrt. Über UKW-Sprechfunk und AIS-Empfänger besteht ein ständiger Kontakt mit der Schifffahrt. Schiffe mit mehr als 30 Metern Länge müssen sich bei Warnemünde Traffic anmelden. Alle relevanten Daten werden über eine Richtfunkanlage zur Verkehrszentale übertragen. Zur technischen Ausrüstung gehört unter anderem auch Radar.

Bei der DVWG-Stippvisite übermittelt der diensthabende Nautiker Dirk Simon dem Schiffsverkehr in der Kadetrinne gerade Informationen zum heimischen Revier - so zu Wind und Wetter sowie dem Wasserstand. Eine Strömungsmessanlage ist noch in Planung. Simon ist selbst 26 Jahre zur See bei der DSR, BBB und den Reedereien Rickmers und NSB gefahren. Er wirkte einige Jahre am Nord-Ostsee-Kanal und ist seit dreieinhalb Jahren in Warnemünde auf dem Turm. Die Schiffe werden hier auch vorausschauend beobachtet. So fiel den Nautikern vor einigen Wochen ein russischer Küstenfrachter auf, der von der Route abgekommen war und geradewegs auf die Küste zusteuerte. Sie gaben Alarm, aber konnten eine Strandung des Schiffes, dessen Führung betrunken war, nicht verhindern.

Erst jüngst verursachte die "Lehmann Baltic" einen Crash im Revier, als sie von MAB Metallaufbereitung ohne Lotsenhilfe zum Seehafen verholen wollte, vom Weg abkam und im Fahrwasser zwischen Warnow-Werft und Wendeplatte umherirrte. Ein Schlepper musste helfen. Revierkenntnis ist erforderlich. Aussagen zur Reform der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung und deren Auswirkungen kann Nitsch als Beamter nur andeuten. Die Umstrukturierung soll im nächsten Jahr beginnen und bis 2020 schrittweise umgesetzt werden, wissen die Verkehrsexperten der DVWG allerdings selbst aus verschiedenen Verlautbarungen. Zentralisierung wird angesteuert.

Schifffahrtsverwaltung wird umstrukturiert

Das auf Bundesebene strittig diskutierte Konzept sieht vor, die gegenwärtig sieben Direktionen in einer Generaldirektion in Bonn zusammenzufassen, die der jetzige Chef der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord in Kiel, Dr. Hans-Heinrich Witte, aufbauen und wohl auch künftig leiten soll. Die Anzahl der Behörden soll von 53 auf 34 dezimiert werden, die Zahl der Mitarbeiter von 12 500 auf 10 000 sinken. Betriebsbedingte Kündigungen werden allerdings ausgeschlossen. Eine Zusammenlegung der Verkehrszentralen Warnemünde und Travemünde, worüber auch spekuliert wurde, ist offenbar nicht vorgesehen.

Die Warnemünder Einrichtung wird zwar als letzte Zentrale modernisiert. "Die Letzten aber werden die Ersten sein", ist Nitsch mit Fingerzeig auf etwaige Kinderkrankheiten der neuen Systeme überzeugt und geht davon aus, dass der Warnemünder Turm, das "Blaue Wunder", am Ende wieder die modernste Verkehrszentrale an der Ostseeküste sein wird.

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