Volkstheater: Die Krise als Alltag

„Weniger ist leer“: Die Tänzer des Volkstheaters machen mit ihrer Botschaft am Ballettsaal deutlich, was viele im Haus denken. Foto: Georg Scharnweber
1 von 3
„Weniger ist leer“: Die Tänzer des Volkstheaters machen mit ihrer Botschaft am Ballettsaal deutlich, was viele im Haus denken. Foto: Georg Scharnweber

von
06. Mai 2013, 07:09 Uhr

Rostock | Das Volkstheater Rostock kämpft um seine Existenz als Vier-Sparten-Haus, um einen Neubau und in erster Linie um die Gunst der Besucher. Heute Abend wird in der Diskussionsrunde mit dem Titel "Gegenwart verstehen" beleuchtet, wie das zu DDR-Zeiten führende Theater in solche Schwierigkeiten geraten konnte. Um 19.30 Uhr nehmen im Podium im Großen Haus Platz der Dramatiker Rolf Hochhuth, Schauspieler Charly Hübner, Theaterförderin und Kommunalpolitikerin Sybille Bachmann (Rostocker Bund), Regisseur Tobias Rausch, der künftige Intendant Sewan Latchinian und Theater-Geschäftsführer Stefan Rosinski. Was sie dann erörtern, ist für die Angestellten des Volkstheaters realer Alltag.

Seit Monaten, wenn nicht Jahren, leben die Mitarbeiter mit der ständigen Angst um ihren Arbeitsplatz - eine zermürbende Situation. Künstler, die als empfindsame Charaktere gelten, leiden darunter mindestens genauso wie ihre Kollegen aus der Verwaltung. Dennoch müssen sie sich auf die Bühne stellen, singen, tanzen, musizieren und schauspielern - und den Menschen im Publikum eine möglichst gute Zeit bereiten. Ein Zwiespalt, den es zu überwinden gilt. Die Show muss weitergehen.

"Es ist belastend", sagt Sandra-Uma Schmitz. Die Schauspielerin ist seit acht Jahren Mitglied des Rostocker Ensembles. Gerade hat sie mit "Atropa" wieder eine Premiere feiern können. "Wir haben tollen Applaus bekommen. Das war Balsam für die Seele", sagt sie. Sie sei dankbar, dass es treue Schauspielbesucher gebe. Denn im Grunde könne sie es den Rostockern nicht verübeln, wenn sie nicht ins Theater kommen. "Das ist ein über Jahre gewachsenes Problem." Es gebe genügend, die ins Theater gehen würden, wenn es wieder ein kultureller Anziehungspunkt sei, meint Schmitz.

Ihr größter Kritikpunkt: der Spielplan, der zu sehr auf Sicherheit abziele und wenig Raum für Experimente lasse. Und: "Es fehlt ein kreativer Kopf, der dem Haus wieder ein Image verpasst." Einen neuen Intendanten mit Schauspielhintergrund hat sie sich gewünscht - und wird ihn bekommen. Ob es dann mit dem frischen Wind im Spielplan klappt, ist allerdings noch offen. In der Sparte Tanz sieht Schmitz ein gutes Beispiel dafür, wie ein modernes, offenes Theater aussehen könnte. "Darum ist es auch so tragisch, dass das Tanztheater den Stempel der Abwicklung aufgedrückt bekommt." Auch auf die Sparte Schauspiel sieht Schmitz große Probleme zukommen. Zum einen steht das Theater im Stadthafen auf der Kippe, die Hauptspielstätte der Sparte. Zum anderen droht nach wie vor, dass Stellen, die im Schauspiel zum Ende der Spielzeit frei werden, nicht neu besetzt werden dürfen. Dann kommt mit Cornelia Crombholz eine neue Schauspieldirektorin ans Haus - und wird vielleicht nur noch zwölf Schauspieler in ihrem Ensemble haben. "Das ist das Niveau eines tiefsten Provinztheaters", findet Schmitz. Der Spruch, den die Tänzer an die Glasfront des Ballettsaals geschrieben haben, treffe den Nagel auf den Kopf: "Weniger ist leer."

Die Schauspielerin betont, wie wichtig Theater für die Bildung gerade bei Kindern und Jugendlichen ist. Der Besuch einer Aufführung fördere die Kreativität: "Und das ist in jedem Beruf wichtig, auch im Maschinenbau." Außerdem sei ein Theater wichtig für die Wirtschaft. "Wer ins Theater geht, kauft dafür im Vorfeld vielleicht ein Kleid, fährt mit dem Taxi zur Vorstellung und geht danach noch etwas essen oder trinken."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen