Vier Glocken kehren heute heim

Arbeit an der Betglocke für St. Marien: Der Rostocker Bildhauer Wolfgang Friedrich in seinem Atelier mit den Figuren, die auf die Glocke kommen Georg Scharnweber
Arbeit an der Betglocke für St. Marien: Der Rostocker Bildhauer Wolfgang Friedrich in seinem Atelier mit den Figuren, die auf die Glocke kommen Georg Scharnweber

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17. November 2010, 07:30 Uhr

Stadtmitte | Nach dem einjährigen Aufenthalt in europaweit führenden Fachwerkstätten kehren heute um 10 Uhr die vier restaurierten Glocken von St. Marien nach Rostock zurück. "Sie sind 700, 601, 560 und 456 Jahre alt, bestehen aus 9300 Kilogramm Bronze und werden beim Abladen einzeln angeschlagen", kündigt Kantor Karl-Bernhardin Kropf an. "Einige Klänge waren in unserer Stadt 101 beziehungsweise 65 Jahre nicht zu hören", sagt Kropf. Anschließend wird die kleinste Glocke auf den Turm von St. Marien gehievt, um Weihnachten dort nach langer Zeit wieder zu läuten. Außerdem erhält St. Petri die von dort entliehene Glocke zurück.

Unter den Gästen wird der Rostocker Bildhauer Wolfgang Friedrich sein. Er ist vom Förderverein St. Marien mit einer reizvollen Aufgabe betraut worden. Er darf die fünfte Glocke verzieren, die voraussichtlich Mitte Dezember bei der Karlsruher Glockengießerei Bachert hergestellt wird. Sie soll die Hauptlast des Läutens tragen und damit die wertvollen alten Glocken schonen. Die Experten bezeichnen das 1750 Kilogramm schwere Exemplar als "Betglocke".

Experten wählen Textpassage aus dem Römerbrief

"Wenn man Glocken macht, steigt man auch künstlerisch noch einmal in diese Welt ein und lernt Dinge kennen, die man vorher noch nicht wusste", sagt der Bilderhauer. Friedrich hat sich seit der Präsentation seines ersten Modells, das in St. Marien zu sehen ist, stärker in die Materie eingearbeitet. Dadurch hat er auch den anfänglichen Gedanken mit vier Glockenköpfen aus technischen Gründen ausgeweitet. Jetzt zieren sechs Köpfe die Glockenkrone. "Sie sind gleich und doch unterschiedlich", zeigt Friedrich. Kleine, fast erst auf den zweiten Blick erkennbare Details unterschiede machen sie zu Unikaten. Mal hat eine Figur geöffnete Augen, eine andere hat geschlossene, mal wirkt der Gesichtsausdruck traurig, mal heiterer.

Als Text am Glockenrand entschied sich die Expertengruppe für das Zitat aus dem Römerbrief, es handelt sich um Kapitel 8, Vers 26. "Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollten, wie sichs gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen." Neben diesen zeitgemäß angeordneten Buchstaben und Worten entschied Friedrich, vier Figuren auf der Glocke zu verteilen. Sein erster Entwurf sah einen Engel vor. Auch das hat er inzwischen nach tieferer Beschäftigung mit dem Thema verändert. "Wenn man zu sehr mit den Flügeln schlägt, wird das am Ende ein bisschen infantil", sagt er. "Ich finde, dass eine Glocke ein ganz besonderes Instrument ist, die darf auch einen Schmuck haben."

Wichtig ist es aber, dass die Figuren nicht zu dominant werden. "Denn die Glocke ist das eigentliche Bild", erklärt Friedrich. Mit Schmuckelementen auf Glocken müssen die Künstler sparsam umgehen. Zu viel kann sich negativ auf die Klanghöhe auswirken. Es hat schon Beispiele gegeben, wonach solche tonmäßig veränderten Glocken nach der Überfrachtung mit Ornamenten auf der Hülle wertlos waren und wieder eingeschmolzen werden mussten.

Mitte Dezember soll die Betglocke für St. Marien gegossen werden. Dann muss die Bronze erst ein paar Wochen abkühlen. Schon ein kleiner Riss kann so eine Glocke wertlos machen. Das Verzieren mit der Schrift aus der genannten Passage des Römberbriefes und den vier Figuren übernimmt Friedrich in der Werkstatt in Karlsruhe.

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