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Norddeutsche Neueste Nachrichten

23. November 2017 | 08:55 Uhr

Stolpersteine : Verstoßen, verfolgt, vergast

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Die Rostocker Regina und Abraham Michaelis starben in Konzentrationslagern . Nun erinnern zwei Stolpersteine an das Schicksal des Paares.

von
erstellt am 09.Okt.2014 | 06:00 Uhr

Ailsa Feenan kann ihre Trauer kaum zurückhalten. Ihre Stimme bebt, ihre Augen sind feucht. „Das ist ein sehr emotionaler Moment“, sagt sie leise. Ailsa Feenan ist die Urenkelin von Abraham und Regina Michaelis. Das Ehepaar hat in Rostock gelebt – als Juden zur Zeit des Nationalsozialismus. Am 11. November 1942 wurden beide nach Theresienstadt deportiert. Das Ende der Hitler-Diktatur erlebten die Michaelis’ nicht mehr. 1943 starb Abraham, ein Jahr später wurde seine Frau in Auschwitz vergast.

Um des Paars zu gedenken, wurden vor dem Wohnhaus im Patriotischen Weg 16 zwei Stolpersteine eingelassen. Denn dort lebten die Michaelis’ zuletzt. Gestern wurden die Steine enthüllt. Stolpersteine sind kleine Gedenktafeln, die in den Bürgersteigen der Stadt eingelassen werden. Sie sollen erinnern, die Geschichte lebendig halten. Die Steine sind schlicht gestaltet – und das, obwohl sie meist eine zutiefst traurige Geschichte erzählen. „Ich weiß nicht viel über meine Großeltern. Meine Mutter Hilda hat wenig über das Leben ihrer eigenen Eltern gesprochen. Die Trauer über das, was mit ihnen geschehen ist, war zu groß“, sagt Linda Ward, die Enkelin von Regina und Abraham Michaelis. Ihre Mutter, Hilda Johanna Michaelis, war 1938 in die Niederlande ausgewandert, wo sie als Kindermädchen anfing. „Sie bat ihre Eltern sie zu begleiten. Aber Regina und Abraham waren optimistisch. Sie sagten, sie seien zu alt für einen Umzug“, so Ward. 1939 emigrierte die Familie, für die Hilda arbeitete, nach England. „Sie nahmen meine Mutter mit“, erzählt Linda Ward, die heute selbst in Großbritannien lebt.

„Als ich alt genug war, dass ich mich für meine Familiengeschichte zu interessieren anfing, war meine Mutter schon gestorben. Erst vor einigen Jahren überraschte mich eine Freundin mit einer Reise nach Rostock“, so Ward. Im Max-Samuel-Haus sah sie Dokumente, auf denen ihre Großeltern unterschrieben hatten. Sie sah ihre Fingerabdrücke. Die Nazis hatte sie als Verbrecher abgestempelt.

Bis 1940 lebten die Michaelis’ in der Langen Straße. Regina war Hausfrau, ihr Mann Abraham arbeitete als Kaufmann in einem Bekleidungsgeschäft. Dann wurde das Paar in dem so genannten Judenhaus in der Altschmiedestraße registriert. Im Sommer 1942 konnten sie in dem Wohnhaus im Patriotischen Weg 16 einziehen, wo sie sich eine Wohnung mit Ina Leys teilten. „Ich habe die beiden öfter getroffen“, erinnert sich Enkel Ernst-Ludwig Levy. „Immer wenn ich meine Großmutter besucht habe“, fügt er hinzu. Ernst-Ludwig Levy war damals zwölf Jahre alt. „An viel kann ich mich nicht erinnern, aber die Michaelis’ waren sehr nette Leute“, sagt er.

Linda Ward und Ailsa Feenan hätten ihre Vorfahren auch gerne kennengelernt. Dass nun Gedenktafeln an Regina und Abraham Michaelis erinnern, ist für die beiden ein Stück weit Genugtuung. „So sind sie nicht nur Statistik in der Geschichtsschreibung. Die beiden waren Menschen. Sie lebten, sie liebten und sie arbeiteten in Rostock. Jetzt gibt es einen Ort, der daran erinnert“, so Ward.

In Rostock und Warnemünde wurden bisher insgesamt 41 Stolpersteine niedergelegt. Die Idee an diejenigen zu erinnern, die im Nationalsozialismus ums Leben kamen, wurde 2001 entwickelt. Das Stolperstein-Projekt wird seitdem vom Förderverein des Max-Samuel-Hauses betreut. Finanziert werden die Steine durch Spenden. Die Steine von Regina und Abraham Michaelis wurden von der Europaschule Rövershagen und der Ärztin Dr. Birgit Freese gestiftet. „Stolpersteine sind ein Ort der Trauer, der Erinnerung und der Mahnung. Ich wollte immer dazu beizutragen, so einen Ort zu schaffen“, sagt Freese.

 

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