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Norddeutsche Neueste Nachrichten

25. September 2017 | 22:47 Uhr

Versponnen im Web – die schöne neue Facebook-Welt

vom

svz.de von
erstellt am 15.Jul.2011 | 08:30 Uhr

Schwerin | "Facebook ist einfach ein Muss", sagt Toni Kelbling. "Meine Freunde, meine Bekannten, sogar meine ganze Familie ist da drin." Der 24-jährige Neubrandenburger ist seit einigen Jahren aus Leidenschaft in verschiedenen sozialen Netzwerken unterwegs und das täglich. Damit ist er nicht der Einzige in MV: Etwa 800 000 mal haben sich die Menschen bereits in den Maschen sozialer Netzwerke verstrickt. 800 000, das dürfte die Zahl der Online-Profile sein, die Bewohner des Landes bisher in soziale Netzwerke eingestellt haben. Rein statistisch kommt damit auf jeden zweiten Bewohner zwischen Elbe und Peene ein Online-Profil. Damit bilden die Menschen aus MV etwa zwei Prozent der knapp 40 Millionen Nutzer von Online-Plattformen in Deutschland. Sie sind weit weniger als der tausendste Teil aller Netzwerker auf der Welt. Das Ziel der Nutzer hierzulande ist dabei das gleiche wie das hunderter Millionen anderer: Sie fädeln ihre Steckbriefe auf die Stränge des Social Web, um Kontakte zu knüpfen und zu halten.

Ein feiner Ausgleich für die fehlende Zeit

Was die Netzwerke so stark macht? "Sie sind einfach und sie sind schnell", sagt Jana. Die 28-Jährige will zwar ihren Namen nicht nennen, kennt sich aber aus, denn ihre sozialen Fäden reichen weit. Auf sieben Online-Plattformen ist die gebürtige Demminerin aktiv, im Schnitt hat sie dort jeweils 250 Freunde. Das sind weit mehr als das deutsche Mittel von zwei sozialen Netzwerken und 57 Freunden. Und die Liste von Jana wächst. Auch Google+, den neuen Dienst des Suchmaschinen-Riesens Google, will sie sich demnächst anschauen. Die junge Frau ist dort, wo sie anknüpfen kann.

Dass für sie daraus Vorteile entstehen, liegt für die Netzwerkerin klar auf der Hand: Weil die Plattformen sie automatisch über die Beiträge ihrer Kontakte auf dem Laufenden halten, weiß sie, was sich bei ihnen tut - und zwar ohne bei jedem Einzelnen nachfragen oder vor Ort sein zu müssen. Wo gibt es das sonst?

"Ich nehme sehr gerne am Leben meiner Freunde teil und bin für sie da, kann aber zeitlich nicht jedem gerecht werden. Soziale Netzwerke bieten da einen kleinen aber feinen Ausgleich", sagt Jana. Sie ist deshalb täglich bei Facebook, der weltweit dicksten Spinne im sozialen Netz, unterwegs. Mittlerweile auch im Job, um Kontakte zu pflegen und Aktionen ihrer Firma zu verbreiten.

Diese Vermischung aus beruflichen und privaten Interessen kommt bei den sozialen Netzwerken in Mode: Nach einer Umfrage unter Facebook-Nutzern sind die rein privaten Facebooker zwar mit knapp 60 Prozent in der Überzahl. Immerhin ein Drittel der User verknüpfen aber bereits beide Bereiche miteinander.

Das kann praktisch sein, aber auch brenzlig werden: Wer nicht genau im Blick hat, welche Profilinformationen allen Nutzern angezeigt werden oder seine Kollegen in die Freundesliste mischt, kann mit seinen Beiträgen ganz schnell auf dem Bildschirm seines Chefs landen. Ein flapsiger Post zu Überstunden oder einige unbedachte Zeilen zu einem aktuellen Projekt könnten so Folgen haben. Erst kürzlich wurden in den USA eine Bankangestellte, ein Polizist und ein Wahlkampfhelfer wegen unfeiner Äußerungen im Netz entlassen. Und auch in Deutschland gilt: Was offline tabu ist, hat auch online Konsequenzen. Das betrifft übrigens auch vermeintlich harmlose Posts, wie einen Online-Urlaubsgruß auf Twitter oder Facebook.

Weil Steckbriefe in sozialen Netzwerken Name, Wohnort und meist sogar Informationen zu Hobbys zusammenbringen, ist es oftmals leicht Adressen herauszufinden und abzuschätzen, ob sich Wertgegenstände in der Wohnung befinden. Christian Lübke, vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft warnt deshalb: "Hinweise auf leer stehende Wohnungen oder Häuser können Einbrecher anlocken." Riskant sind nach Einschätzung von Experten auch Netzwerke und Anwendungen wie Foursquare oder Facebook-Places, bei denen der aktuelle Standort des Nutzers und damit auch seine Abwesenheit von zu Hause übermittelt werden. Im realen Leben würden solche Informationen wohl nicht mit solcher Unbedarftheit gestreut. 2009 teilten jedoch 40 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage über Facebook und Twitter mit, wann und wo sie ihren Urlaub verbringen.

Daten bleiben kleben im sozialen Netz

Tendenziell wird ihre Zahl wohl wachsen, denn die Menge der Inhalte, die ein durchschnittlicher Nutzer jährlich im Netz teilt, verdoppelt sich alle zwölf Monate. So entsteht eine Masse von Informationen darüber, was die Menschen interessiert, was sie mögen, und mit wem sie kommunizieren. Es sind diese Daten, die im sozialen Netz kleben bleiben und Internetgeschäfte erfolgreich machen.

Noch schreibt Facebook keine schwarzen Zahlen. Die Auswertung der Daten von 750 Millionen Facebook-Nutzern könnte die Plattform allerdings zu einer Werbe-Weltmacht werden lassen. Und der angeblich für das erste Quartal 2012 geplante Börsengang des Unternehmens verspricht schon jetzt ein dickes Plus vor dem Komma: Auf 70 bis 100 Milliarden Dollar schätzen Experten aktuell nach Hochrechnungen von abseits der Börse verkaufter Aktien dieses Plus.

"Da zeigt sich, dass wir - obwohl Facebook kostenlos ist - doch dafür bezahlen, nämlich mit unseren Informationen", sagt Reinhard Dankert (SPD), oberster Datenschützer in MV. Anders könne er sich den Börsen-Wert des Konzerns nicht erklären. Dabei sieht Dankert vor allem eine Gefahr: Facebook behält sich in seinen Geschäftsbedingungen vor, dass auch Nutzerdaten den Besitzer wechseln, sollte die Plattform verkauft werden.

Der Datenschützer empfiehlt deshalb unbedingt Vorsichtsmaßnahmen im Netz: Keinesfalls den richtigen Namen ins Netz stellen, so das oberste Credo, kein Bild verwenden, auf dem man erkannt werden kann. Auch auf Angaben zu Wohn- und Geburtsort sollte man verzichten. Nur: Redet er damit nicht gegen den Sinn sozialer Netzwerke an, eben gerade reale Persönlichkeiten abzubilden und Bekannte zu finden?

Nein, das tue er nicht, wehrt Dankert ab. Und fügt nachdenklich an: "Obwohl, ich weiß gar nicht recht, warum die jungen Leute das tun. Sie nutzen soziale Netzwerke wohl, um die Gespräche zu führen, die sie sonst im realen Leben führen würden." Erkennbarkeit wäre da wohl sinnvoll. Ohnehin glaubt Dankert nicht, dass er die Kinder und Jugendlichen vom Phänomen der sozialen Netzwerke endgültig loseisen kann. "Es scheint eine Art neuer Privatheit in der Generation zu geben, die mit dem Internet aufgewachsen ist", sagt der Datenbeauftragte. Vielleicht müsse man sich einfach darauf einstellen.


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