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Norddeutsche Neueste Nachrichten

11. Dezember 2017 | 04:58 Uhr

Leselust : Verlagswunder kommt an die Küste

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Literaturhaus und Hugendubel schließen sich zusammen und laden Wagenbach-Chefin nach Rostock ein.

svz.de von
erstellt am 18.Sep.2014 | 12:00 Uhr

Der Berliner Wagenbach-Verlag steht für weit mehr als schöne Bücher. Morgen um 20.15 Uhr ist die Verlegerin Susanne Schüssler zu Gast in der Buchhandlung Hugendubel in der Kröpeliner Straße 41 und wird mit Journalist Ernst-Jürgen Walberg über 50 Jahre wahrlich bewegte Verlagsgeschichte sprechen. Die Einladung dazu bekam sie von Hugendubel und dem Rostocker Literaturhaus. Doch was interessiert einen Berliner Verlag in der vermeintlich anders tickenden Hansestadt?

„Der Wagenbach-Verlag ist eine Ausnahmeerscheinung, einer der größten unabhängigen Verlage“, sagt Katinka Friese vom Literaturhaus. Der Mut des Verlegers sei absolut sinnstiftend. Im Verlag erscheinen auch unbequeme, kritische Texte. Und das hat eine Tradition. Im September 1964 gründete Klaus Wagenbach seinen Verlag. Er veröffentlichte Texte aus Ost und West, Zeitgenössisches von Johannes Bobrowski, Ingeborg Bachmann und Wolf Biermann, einen Text von Peter Weiss zu Auschwitz, „Bambule“ von Ulrike Meinhof, ein Manifest der RAF. Er bekam dafür einige Klagen an den Hals. „Der Verlag ist wie ein Seismograf für die bundesdeutsche Geschichte“, sagt Florian Rieger von Hugendubel, „er hat systematisch bewiesen, dass es richtig und wichtig ist, seinen Weg zu gehen.“ Übernommen hat ihn 2002 Susanne Schüssler, die Frau von Klaus Wagenbach. Sie wollte immer Bücher machen, schon ihr Vater war Verleger. So lernte sie noch mit Kleber in der Hand und Stecknadeln im Mund das Handwerk.

Im Interview mit NNN-Autorin Nicole Pätzold erzählt die Verlegerin von der Überzeugung in fünf Jahrzehnten, der schwindenden Lesefähigkeit und neuen Herausforderungen:

Susanne Schüssler: „Das Ziel war, den Verlag umzubringen.“

Wagenbach wurde oft der Untergang prophezeit. Stimmt der Satz „Totgesagte leben länger“ für Sie?
Schüssler: Das ist so eine Eigenart zu sagen: „Schön, dass der das macht, aber bald wird es nicht mehr funktionieren.“ Ein Verlag funktioniert dann nicht, wenn er eine rein ökonomische Unternehmung ist und keine Leidenschaft dahinter steht. Obwohl die Leidenschaft allein ebensowenig reicht, man braucht schon auch Professionalität.
Ist es das, wodurch der Verlag es auch immer wieder geschafft hat?
Ja. Es gab in der Geschichte des Verlags extrem schwierige Momente – politisch schwierige. Der Verlag hatte viele Strafprozesse am Hals. Das Ziel war, den Verlag umzubringen. Er hat eine Spaltung hinter sich, die den Verlag ökonomisch ausgeblutet hat. Da braucht man diese Überzeugung, um weiterzumachen. Das ist sicher. Die Rahmenbedingungen waren oft nicht einfach. Heute hat sich das entschieden geändert. Die Widerstände kommen von ganz anderer Stelle. In den politischen Zeiten, den 70er-Jahren, da gab es zwar massiven Druck, aber auch eine massive Solidarität. Heute kämpfen wir wie alle Buchverlage mit dem schwindenden Interesse der Leser. Die Lesefähigkeit hat sich verändert. Durch den Massenkonsum von kleinen Häppchen ist bei vielen die Fähigkeit verloren gegangen, längere Zusammenhänge, vor allem wenn sie komplex sind, überhaupt noch aufnehmen zu wollen oder zu können.
Wie schätzen Sie also die Situation der Verlage in Deutschland ein?
Es ist nach wie vor so, dass Deutschland ein Land der Seeligen ist, was den Buchhandel und die Verlagslandschaft angeht. Nirgends gibt es so differenzierte und so vielfältige Möglichkeiten und ein so fantastisches Buchhandelsnetz wie bei uns. Trotzdem muss man leider sagen, dass wir uns mit dem zunehmenden Abwandern der Leser in andere Medien beschäftigen müssen.
Wo steht Wagenbach?
Wagenbach ist ein Verfechter des schön gemachten, gedruckten Buchs. Das heißt, wir müssen uns genau überlegen, wie wir genug Publikum für diese außergewöhnlichen Bücher finden.
Wie hat sich der Verlag entwickelt?
Er war erst ein Ost-West-Verlag, dann ein politischer Verlag, dann der Italien-Verlag, dann der Verlag der Kulturgeschichte. Später galten wir als der Verlag der schönen Bücher, dann der Neuentdeckungen. Aber eigentlich ist der Verlag von Anfang an immer alles gewesen.
Wer sind Ihre Leser?
Das weiß ich nicht. Jedenfalls stelle ich sie mir als aufgeschlossen und neugierig vor.
Aber auf welche Leser legen Sie es an?
Man stellt sich für bestimmte Bücher immer bestimmte Leser vor und ist dann vollkommen überrascht, wenn es ein anderes Lesepublikum ist. Entscheidend ist, dass wir dem Leser einiges abverlangen. Er muss Lust auf etwas Neues haben.
Welche Bücher sind am bezeichnendsten für den Verlag?
Am bekanntesten ist wahrscheinlich „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett. Das ist der einzige Bestseller, den der Verlag hatte. Ein Autor, der in der Geschichte des Verlags sehr viel höhere Auflagen erreicht hat, obwohl er nie ein Bestseller war, ist Erich Fried, der natürlich für den Verlag steht. Das tut auch die italienische Literatur. Das sind ganz viele Autoren, wie meine Lieblingsautorin Natalia Ginzburg.
 

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