Aus dem Gerichtssaal : Vergewaltiger klagt gegen Opfer

Vor dem Amtsgericht Rostock stehen sich Opfer und Täter gegenüber. Doch wer ist wer?

Vor dem Amtsgericht Rostock stehen sich Opfer und Täter gegenüber. Doch wer ist wer?

2014 war Michael W. zu acht Jahren mit Sicherungsverwahrung verurteilt worden – jetzt erhebt er selbst schwere Vorwürfe

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15. Januar 2016, 21:00 Uhr

Rollentausch: Wegen versuchter räuberischer Erpressung müssen sich seit gestern Lisa K. (25) und Denis M. (29) vor dem Rostocker Amtsgericht verantworten. Den beiden Angeklagten gegenüber saß Michael W. (48), Nebenkläger und Zeuge in diesem Strafverfahren. In einem monatelangen Prozess vor dem Rostocker Landgericht im Jahr 2014 saßen sich die Akteure schon einmal gegenüber – allerdings genau in gegensätzlicher Funktion.

Michael W. war damals der versuchten schweren Vergewaltigung angeklagt. Lisa K. und Denis M. saßen auf der Zeugenbank, die junge Frau sogar als Hauptzeugin. Über mehrere Kleinanzeigen hatte Michael W. im Sommer 2013 junge Frauen für Aktaufnahmen in seine Gartenlaube in der Anlage Goldwiese gelockt. Er versprach ihnen bis zu 3000 Euro, wenn sie bereit waren, sich auszuziehen und eingipsen zu lassen. Diese Ganzkörperskulpturen wollte er in Fernost verkaufen, erzähle er. Auch Lisa K. fiel auf den damaligen Angeklagten herein.

Erst als er eindeutige sexuelle Manipulationen an ihrem nackten Körper vornahm und ihr dabei sogar die Hände fesselte, riss sie sich los und erstattete Anzeige. Michael W. hatte zu der Zeit bereits eine langjährige Haftstrafe wegen mehrfacher Vergewaltigung verbüßt und stand unter Führungsaufsicht. Damals zog er alle Register. So beschuldigte er Lisa K. und Denis M., in der Nacht des 24. Juli 2013 in seine Gartenlaube eingedrungen zu sein, ihn gefesselt, gewürgt, geschlagen, die Daten seiner Sticks kopiert und 30 000 Euro als Entschädigung verlangt zu haben. Um diesen Vorwurf geht es in dem aktuellen Prozess. Genau wie im Verfahren 2014 wiesen Lisa K. und Denis M. auch gestern vor dem Amtsgericht Rostock die Anschuldigung zurück.

„Wir waren in der Nacht des 24. Juli 2013 in der Kleingartenanlage“, sagte Lisa K. „Aber er war ausgeflogen.“ Die umher liegenden Sticks hätten sie und ihr Freund mitgenommen und später entsetzt angesehen. Ihr sei es bei der ganzen Sache um das Geld gegangen, das er versprochen, aber nie gezahlt habe, sagte sie. Er hätte ihr eine Wohnung und ein Auto in Aussicht gestellt. Sie gab zu, sehr naiv gewesen zu sein. Sie habe aber das Vorleben des Michael W. auch nicht gekannt. Denis M. bestätigte ihre Aussage. „Ich machte meiner Freundin Mut, den Mann anzuzeigen.“

Das Landgericht hatte Michael W. am 26. Mai 2014 zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren mit Sicherungsverwahrung verurteilt. Das Urteil ist rechtskräftig. Laut Anklageschrift stellt Michael W. beide Angeklagten als Lügner dar. Die Staatsanwaltschaft meinte, dass er durch das aktuelle Strafverfahren die Neuaufnahme seines eigenen Verfahrens von 2014 erreichen möchte. Sein Verteidiger hatte damals auf Freispruch plädiert. Der Prozess wird am 2. Februar fortgesetzt.

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