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Dieter Hellmund arbeitet bei den Harzer Schmalspurbahnen : Unterwegs mit dem dienstältesten Lokführer

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Dieter Hellmund ist Triebfahrzeugschlosser und Absolvent der Lokfahrschule Güstrow. Seit 1972 arbeitet er bei der Harzer Schmalspurbahnen in Wernigerode in Sachsen-Anhalt.

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erstellt am 13.Jun.2013 | 11:07 Uhr

Wernigerode | Es ist 10 Uhr. Dienstbeginn für Dieter Hellmund. In der Lok-Einsatzstelle der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) in Wernigerode in Sachsen-Anhalt wartet Nummer 997245-6 auf ihren Einsatz. Hellmund klettert in den Lokführerstand. Seine Ledertasche kommt auf ihren Platz hinter der schmalen Tür. Wie immer. Wie schon seit 34 Jahren. "Das muss alles seine Ordnung haben", sagt Hellmund, der in seinem schwarzen Arbeitsanzug fast wie ein Schornsteinfeger aussieht. Viel spricht er nicht. Er macht lieber. Bis zur Abfahrt zum 1125 Meter hoch gelegenen Brocken-Bahnhof bleiben ihm 55 Minuten.

Wasser und Kohle nehmen, abschmieren und die Bremskontrollen - Routine für den dienstältesten HSB-Lokführer Hellmund. Lok und Lokführer eint das Baujahr 1956. Hellmund ist eher der stoische Typ. Er ist Triebfahrzeugschlosser und Absolvent der Lokfahrschule Güstrow. Seit 1972 ist er Teil der HSB, die 1993 Strecken, Personal und Technik von der Deutschen Reichsbahn übernahm.

Die Dampfzüge sind eine Augen- und Ohrenweide und wichtig für den Harztourismus. Urlauber aus aller Welt kommen, um sie fahren zu sehen. Der Clou: Die Spur ist nur 1 Meter breit und damit 43,5 Zentimeter schmaler als normal. Das HSB-Streckennetz durch den Harz ist mehr als 140 Kilometer lang.

Noch 45 Minuten bis zur Abfahrt. Hellmund hat den Führerstand der 60 Tonnen schweren, pechschwarzen Dampflok gegen das enge Führerhaus eines kleinen, blauen Krans getauscht. Ein paar Mal gräbt sich der Greifer in den glänzenden Steinkohlenkoks aus Tschechien. "Der rußt nicht so", sagt Hellmund. "Vier Tonnen passen hinten in die Lok." Im Lokführerstand herrscht Nostalgie. Alles ist massig, schwarz, aber viel weniger schmutzig als gedacht. Hellmund und Heizer Uwe Schwenecke (50) haben bis zur Abfahrt viele Male den Putzlappen in der Hand. "Die Lok ist doch wie ein Wohnzimmer", sagt Hellmund. "Da will man es doch sauber haben."

Ventile, Hebel und Schalter umranden den von innen glühenden Feuerkasten. Ein zwei Meter tiefer Schlund, gierig nach Koks und in Spitzenzeiten bis zu 1300 Grad heiß. Öffnet sich die Feuerklappe, strömt unerträgliche Hitze heraus. "Im Sommer werden es hier schon mal 65 Grad", sagt der 57-Jährige.

Die 33 Kilometer lange Fahrt auf den Brocken - mit 1141 Metern der höchste Berg in Norddeutschland - beginnt. Es geht vorbei an Häusern, Bahnübergängen und Gärten. Verlangen es die Schilder, zieht Hellmund am Pfeifenzug und lässt das charakteristische Signal einer Dampflok ertönen. "Bis wir oben sind, ist mein Kopf eine Rundumleuchte." Er kennt die Strecke aus dem Effeff. Trotzdem ist er wachsam.

Zugwechsel in Drei Annen Hohne. Auf gut 500 Höhenmeter steigen Hellmund und Schwenecke in eine baugleiche Lok mit sieben Waggons um.

"Der andere Zug fährt weiter in Richtung Nordhausen, aber wir müssen ja auf den Berg." Je näher der Gipfel rückt, umso voller wird der Zug. Und umso mehr muss Hellmund winken - den Touristen, die mit dem Fotoapparat an der Strecke stehen und auf ein gutes Motiv hoffen.

Mit kaum 30 Kilometern in der Stunde erklimmt der Zug den Brocken.

Hellmund schaut immer wieder auf die Bedienelemente. "Auf 29 von 33 Kilometern legt der Zug alle 30 Meter einen Meter Steigung zurück", erzählt er. "Im Durchschnitt liegen zwischen der Lok und dem letzten Wagen drei Meter Höhenunterschied." Ankunft auf dem Berg. Endstation für die Brockenbahn. Gleich gehts wieder talwärts. Hellmund tupft sich den Schweiß aus dem Gesicht. "Eins steht fest", sagt er mit einem Lächeln. "Im nächsten Leben werd ich Eisverkäufer."

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