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Norddeutsche Neueste Nachrichten

20. Oktober 2017 | 12:49 Uhr

Untergang trotz Tatendrang

vom

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erstellt am 08.Okt.2012 | 10:40 Uhr

Kröpeliner-Tor-Vorstadt | Am Ende steht er ein bisschen abseits und wischt sich den Schweiß links und rechts an den Seiten seiner Smokinghose ab. Ja, der Abend hat Simon Jensen angestrengt. Der 24-Jährige ist Rostocks neuer Hamlet. Einer, der diesem vielleicht größten Zauderer der Weltliteratur den Charakter des aufgedrehten Machers gibt. Und ein preisgekrönter dazu: Bei der Premiere am Sonnabend im Volkstheater bekam Jensen den Nachwuchsförderpreis für Darstellende Künste der Proskenion-Stiftung überreicht. "Er ist ein Besessener, der die angstlose Suche nach dem Wesen der Figuren betreibt", heißt es in der Begründung der Jury. Und genau so hatten die Premierenzuschauer im ausverkauften Großen Haus ihn als Hamlet auch erlebt: sich albern gerierend, Sekt aus seinem Mund dribbeln lassend, am Slip von Ophelia (Bettina Burchard) schnüffelnd.

Inszenierung von Kay Wuschek erntet kräftigen Applaus

Regisseur Kay Wuschek setzt diesen Flegel-Hamlet in der Koproduktion mit dem Berliner Theater an der Parkaue hinein in eine Art skandinavische Wochenendhaus-Idylle mit Thronsesseln davor. Dort nimmt Shakespeares Rachetragödie ihren Lauf: Prinz Hamlets Vater wurde von seinem Onkel Claudius (Jakob Kraze) ermordet, der danach seine Mutter Getrud (Nadine Rosemann) geheiratet hat und jetzt auf dem dänischen Thron sitzt. Der Geist des Vaters (ebenfalls Jakob Kraze) erscheint dem Sohn und fordert Rache. Hamlet, im Konflikt zwischen Wollen und Tun, ist in Wuscheks Version nun einer, der erst mal anpackt. Scheinbar vor Liebe zu Ophelia verrückt geworden, um den Hof zu täuschen, greift er zur Axt. Sticht Hamlet im Shakespeares Text mit einem Degen durch den Vorhang, um den Lauscher dahinter zu bestrafen, so schiebt Jensen in der Rostocker Inszenierung den Vorhang beiseite und klettert mit seiner Axt dahinter, um Ophelias herrlich geschwätzigen Vater Polo nius (Ulrich K. Müller) den Garaus zu machen. Rosenkranz (Undine Cornelius) und Güldenstern (Sonja Hilberger) bindet er an ihren Krawatten zusammen, Ophelia jagt er nach Art einer Verwechslungskomödie über die Bühne und hält alles auf seinem Smartphone fest. Die Tragik der Figur, ihr grüblerischer Zug und ihr Sprachwitz, die im Stück angelegt sind, müssen dabei freilich zu kurz kommen. Die berühmten Monologe ("Sein oder nicht sein", "Ach, armer Yorick") - auch sie kommen fast fröhlich daher.

Krazes Interpretation des Königs Claudius hält in einer der Schlüsselszenen der Inszenierung dagegen: Vor der Kulisse eines gewaltigen Meeres reflektiert er über seinen Brudermord und geißelt sich selbst. "Wem wird vergeben, wenn doch die Untat lebt?". Da lässt Hamlet, von hinten an den Onkel herangetreten, die Axt sinken und die Gelegenheit zur Rache verstreichen.

Daneben arbeitet Wuschek konsequent durchscheinend die Tragik auch des ganzen Königreichs heraus, das nach dem Tod fast des ganzen Hofes an den norwegischen Herrscher Fortinbras (David Schirmer) fällt. Wie ein Symbol dafür flattert von Anfang an der Dannebrog über dem anheimelnden, privaten Holzhaus mit dem Stapel Kaminscheiten daneben.

Die Inszenierung bedient sich der selten aufgeführten Übersetzung Theodor Fontanes. Der Dichter übertrug Hamlet ins Deutsche, um sein Englisch zu schulen - entdeckt wurde der Text erst nach seinem Tod. Regisseur Wuschek seinerseits flicht Beatles-Songs ein und erntete bei der Premiere für Inszenierungsideen wie dieser mehrfach Szenenapplaus. Hamlet lässt er mit seinem Freund Horatio (Alexander Flache) am Bühnenrand "Let It Be" ansingen, als hinten schon der Giftbecher und Duellpartner bereitstehen. Schließlich kann diesen Hamlet eben auch sein Tatendrang nicht retten.

"Hamlet - Prinz von Dänemark": Die nächsten Vorstellungen sind am Freitag, 12. Oktober (10 Uhr), Donnerstag, 18. Oktober (18 Uhr), Donnerstag, 8. November (10 Uhr) und Sonnabend, 17. November (19.30 Uhr) im Großen Haus

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